Rom, ca. 60 n. Chr. in der Unterkunft des Petrus
Draussen schüttete es mittlerweile wie aus Kübeln. Starker Regen hatte den Wind abgelöst und schwere Wassertropfen prasselten gegen die dünnen Fensterscheiben des Hauses. Für einen Sommerabend kühlten die Temperaturen merklich ab. Petrus entschied sich, ein wärmendes Feuer für seinen Gast anzuzünden.
Im Essbereich stand eine offene Feuerstelle, in der Petrus sorgfältig Holzscheite aufstapelte. Geschickt schlug er mit einem Feuerstein ein paar Funken für den Zunder, bis eine kleine Flamme das Holz zum Brennen brachte.
Markus sass staunend am Tisch und schaute seinem Freund anerkennend zu. «Hast du das vom Meister gelernt?», wollte er wissen.
«Von wegen der Meister. Meine ständig frierende Frau hat mich zum Feuermeister gemacht», sagte Petrus lächelnd, während er liebevoll zu seiner Frau blickte. «Helfen ist ihre Liebessprache, weisst du.»
«Ehrlich gesagt bin ich dankbar für Wärme im Haus», gab Markus zu. «Apropos hitzige Stimmung – hattet ihr neben der Sturmstillung nicht eine zweite, nicht unbedingt herzerwärmende Nacht mit Jesus auf dem See Genezareth?»
«Meinst du die Gespensternummer?», fragte Petrus nach.
Markus lächelte. «Genau die! Vielleicht hilft sie den Römern, ihren Gespensterglauben zu verlieren. Ich meine: schau mal, wie viele vor der Rache ihrer Götter fürchterliche Angst haben.»
«Aber ich will das nicht», murrte Petrus forsch.
Doch Markus konterte. «Oh, oh. Hat da jemand sein Trauma vom Beinahe-Absaufen noch nicht überwunden?»
«Ja, das ist mir peinlich. Und ausserdem hat Matthäus das bereits ausführlich beschrieben», entgegnete Petrus.
«Okay, Kompromiss», schlug Markus beschwichtigend vor. «Ich nehme die Geschichte rein, aber deinen Wasserspaziergang lassen wir weg.»
«Deal», stimmte Petrus nach kurzem Zögern zu. «Jesus predigte vor über zehntausend Menschen. Alle hingen an seinen Lippen. Und dann das Speisewunder. Fünf Brote und zwei Fische war alles, was an Essen vorhanden war. Und trotzdem wurden alle satt. Jeder hatte Jesu Wunder am eigenen Leib erlebt.»
«Und Jesus?», hakte Markus nach.
«Der bricht einfach ab und schickt uns heim. Dabei hätten wir die günstige Situation ausnutzen müssen. Aber nein – mit Jesus war nicht zu verhandeln. So stiegen wir ins Boot Richtung Betsaida.»
«Doch das Wetter war nicht auf eurer Seite, oder?», fragte Markus.
Petrus nickte. «Das ist noch gelinde ausgedrückt. Die Nacht brachte uns an den Rand unserer Kräfte. Der Gegenwind war brutal. Stundenlang versuchten wir es ohne wirklichen Fortschritt. Es war zum Verzweifeln.»
«Und dann kam er», meinte Markus.
«Und wie! Die ersten hellen Strahlen verdrängten die Nacht, als wir eine Gestalt auf uns zukommen sahen. Und zwar auf dem Wasser! Uns fuhr der Schreck in die Glieder. Thaddäus schrie wie ein überfordertes Kind. Wir wollten ihn beruhigen, als die Person immer näherkam und schliesslich mit langen Schritten an uns vorbei ging. Zusammen schrien wir uns die Lunge aus dem Leib.»
«Und dann?», fragte Markus sichtlich mitgenommen.
«Wir starrten die Gestalt an. Dann sprach sie uns mit ruhiger Stimme an.» Die Erinnerung an diese Nacht schien Petrus selbst nach Jahren noch immer zum Erschaudern zu bringen. «Er sagte: ‹Erschreckt nicht! Ich bin es. Ihr braucht keine Angst zu haben.› Wie angewurzelt standen wir da und schauten verwirrt zu, wie er zu uns in das Boot stieg. Es war Jesus!»
«Ich wäre durchgedreht vor Angst», meinte Markus. «Aber was wollte Jesus mit dieser verrückten Aktion?»
«Mhh …», überlegte Petrus. «Keine Ahnung. Zumal, als Jesus ins Boot stieg, war der Wind – zack – im selben Augenblick verschwunden. Wir waren überfordert. Zuerst ging er auf dem Wasser und dann stillte er den Sturm. Noch immer waren wir von der Angst gefesselt und konnten uns nicht einmal freuen.»
«Das verstehe ich», meinte Markus und fragte: «Und wie siehst du es heute?»
Petrus antwortete: «Erst nachdem Jesus in den Himmel aufgefahren war, ist uns aufgefallen, was in der Schrift steht. Hiob sagte über Gott: ‹allein hat Gott den Himmel ausgespannt, nur er kann über Meereswellen schreiten.› Jesus hat sich als der göttliche Retter offenbart.»
«Da fällt mir auf», unterbrach Markus. «Dass Jesus an euch vorbeilief, erinnert an Gott, der an Mose vorüberging. Merkst du was? Ihr habt einen heiligen Moment missverstanden.»
«Bingo!», stimmte Petrus zu. «Bleibt zu hoffen, dass unsere Leser uns nicht zum Vorbild nehmen.»
«Das kannst du nicht laut genug betonen», stimmte Markus zufrieden zu. Seine Notizen formten sich zu einem detailgetreuen Bericht. Markus las vor: «Nun drängte Jesus seine Jünger, unverzüglich ins Boot zu steigen und ans andere Ufer nach Betsaida vorauszufahren; er wollte inzwischen die Leute entlassen, damit sie nach Hause gehen konnten. Als er sich von der Menge verabschiedet hatte, ging er auf einen Berg, um zu beten. Spät am Abend, als Jesus immer noch allein an Land war, befand sich das Boot mitten auf dem See. Er sah, wie sich die Jünger beim Rudern abmühten, weil sie starken Gegenwind hatten. Gegen Ende der Nacht kam er zu ihnen; er ging auf dem See, und es schien, als wollte er an ihnen vorübergehen. Als die Jünger ihn auf dem Wasser gehen sahen, meinten sie, es sei ein Gespenst, und schrien auf, so sehr waren sie alle bei seinem Anblick von Furcht gepackt. Aber Jesus sprach sie sofort an. ‹Erschreckt nicht!›, rief er. ‹Ich bin’s. Ihr braucht euch nicht zu fürchten.› Er stieg zu ihnen ins Boot, und der Sturm legte sich. Da waren sie erst recht fassungslos. Denn selbst nach dem Erlebnis mit den Broten hatten sie noch nichts begriffen; ihre Herzen waren verschlossen.» Markus 6,45-52
«Markus, du bist ein Genie. Das gibt es perfekt wieder!» Petrus zeigte sich hoch erfreut.
Markus grinste. «Fehlt nur noch dein Tauchversuch.»
«Pass auf, dass ich dich nicht im Meer untertunke!» Petrus stand auf und legte neue Holzscheite nach.
Der Artikel erschien in der wort+wärch-Ausgabe vom Mai 2026. | Martin Preisendanz - Redaktionsteam, Pfarrer EGW in Steffisburg | Bilder: Canva und KI-Modifiziert