Der Bund mit Noah

Gott, der über Himmel und Erde thront, verbindet sich in seinem Bund mit den Menschen und stiftet durch seine Zusagen Vertrauen. Besonders markant im Bund mit Noah.

Gott hat das Beste vor mit den Menschen, als er sie ins Paradies setzt. Wie reagiert er auf das, was nach dem Sündenfall geschieht? Gibt es einen Ausweg aus der zerstörerischen Dynamik von Anmassung und Niedertracht, Gewalt und Mord? Auf die uralte Frage gibt die Bibel eine Antwort: Gott stiftet einen Bund.

Der Schmerz des Schöpfers

Deutlicher als bei den Bundesschlüssen mit Abraham und seinen Nachkommen sind im Bund mit Noah alle Menschen im Blick. Wie kommt es dazu? Generationen nach dem Sündenfall kann Gott dem Treiben der Menschen nicht weiter zusehen. Die einst «sehr gute» Schöpfung verfällt.1 Es ist, als würde der Schöpfer den Ruin seines Wunderwerks nicht ertragen. Er hat das Leben gegeben – nun hat er Anlass, es wegzunehmen.2 Die Katastrophe ist jedoch nicht das Letzte!

Es lohnt sich, den langen Bericht in 1. Mose 6-9 genau zu lesen und als Ganzes in seinen Bezügen namentlich zum Schöpfungsbericht zu sehen. Die Flut ist spiegelbildlich 3 erzählt. Die Mitte bildet 8,1, wo es auf dem Höhepunkt der Flut heisst: «Und Gott dachte an Noah …» Vorher hat nach Gottes Beschluss und Weisung der Bau der Arche stattgefunden. Dann bricht die Flut über die Menschen herein; die Wasser steigen. In umgekehrter Reihenfolge geschieht 
dies nach 8,1. Die Wasser sinken. Gott beschliesst das Fortbestehen der Menschheit auf der Erde.4

Noah: Integrität in Person

Noah wird vorgestellt als «ein gerechter Mann und vollkommen unter seinen Zeitgenossen»:5 Er ist mehr als anständig und ehrenhaft – er lebt seit langem mit Gott.6 Seine Integrität hebt sich deutlich ab von der Gemeinheit der Menschen.

Gottes Urteil ergibt sich gleichsam aus dieser Verderbtheit. Es trifft «alles Fleisch»: Menschen, Landtiere und Vögel.7 Allein Noah und seine Familie sind davon ausgenommen. Er wird angewiesen, fernab des Meers eine grosse Arche zu bauen.8 «und me begryfft dass d‘lüt hei gseit: däm maa däm spinnts» (Mani Matter).

Noah gehorcht und vollendet den Bau mit seinem Team. Die Tiere kommen herbei.9 Noah und die Seinen steigen ein; Gott selbst schliesst das Tor. Und dann kommt die Flut über die Erde – an einem bestimmten Tag. «Das Leben starb nicht einfach. Es wurde vernichtet.»10

Doch entscheidend ist etwas Anderes, die Zusage Gottes an Noah: «Mit dir will ich meinen Bund aufrichten.»11 An dieser Stelle kommt der Begriff «Bund», hebräisch berit, in der Bibel zum ersten Mal vor. Denn Gott ist nicht gefangen in der zornigen Betrübnis über den Ruin der Schöpfung; er hat auch jetzt Positives im Sinn.

Die Wende

Die Wende kommt von Gott: Er denkt an Noah, um mit ihm den Neuanfang ins Werk zu setzen. Er lässt den Geist über die Erde kommen.12 Nach langem Warten können die Menschen und Tiere die rettende Arche verlassen. Es folgt die letzte Szene der Erzählung: Gott will seiner Schöpfung wieder Gestalt und Fülle geben und erlässt dazu seine Weisung, sagt Segen zu.

Ganz knapp wird erwähnt, was Noah tut: Er baut einen Altar und opfert darauf Tiere.13 Gott reagiert positiv darauf.14 Was er in 1. Mose 8,20-9,17 sagt, gilt für die ganze weitere Menschheitsgeschichte.

  • 8,21f: Es wird keine weitere Flut geben. Den Erdboden will Gott nicht weiter verachten15 aufgrund des Tuns der Menschen – und dies, obwohl ihr Denken und Tun gründlich böse ist.16 Die natürlichen Abläufe sollen weitergehen, «solange die Erde währt».

Dafür gibt Gott Noah und seinen Söhnen – und ihren Nachkommen bis heute – den Segen. Er ändert aufgrund dessen, was zwischen Schöpfung und Flut geschah, die Weisung:

  • 9,1-3: Die Tiere sind in die Hände der Menschen gegeben. Das in Eden harmonische Verhältnis Mensch-Tiere verfiel nach Adams Sünde;17 es ist nun von «Furcht und Schrecken» geprägt. Tiere dienen neu den Menschen als weitere Nahrung.
  • 9,4: Aus Respekt vor dem Leben und vor seinem Geber darf Fleisch nur ohne Blut gegessen werden.18 
  • 9,5f: Das Blut eines Menschen darf nicht vergossen werden. Gott fordert es von jedem Tier und jedem Mitmenschen19 ein.20 «Denn als Bild Gottes hat er den Menschen gemacht» – im Unterschied zum Tier. «Gott schätzt unser Leben so hoch, dass er Mord nicht ohne Vergeltung lässt.»21
  • 9,7: Die Menschen sollen sich vermehren und sich auf der Erde ausbreiten. Dabei fehlt die Adam gegebene Weisung, sie untertan zu machen. 
  • 9,9ff: Gott sagt in einem Bund Menschen und allen Tieren zu, dass er eine solche Flut nie mehr über sie bringen wird. 
  • 9,12ff: Als unübersehbares Bundeszeichen, fortan und für alle Zeit, bestimmt Gott den Regenbogen, den er in die Wolken stellt. Der Bogen wird – höchst ungewöhnlich für die Bibel – Gott an seine Zusage erinnern. Der Bogen stellt «den Sieg des Lichts der Liebe über die feurige Finsternis des Zorns» dar.22

So endet der Sintflutbericht hoffnungsvoll und ermutigend. Die jüdischen Rabbinen betonen, dass die im Noahbund gegebenen Gebote fürs Leben der Völker – nicht bloss der Juden – verbindlich sind.23 Sie sind fürs interkulturelle Miteinander auch heute grundlegend. Gott der Heilige steht ein für jedes Menschenleben. Tiere haben nicht Menschenrechte.

Der Regenbogen und die Wassermassen

Wenn der Regenbogen heute für ganz Anderes herhalten muss, haben Christen allen Grund, auf seine von Gott gesetzte Bedeutung und die kostbaren Zusagen des Noahbundes hinzuweisen. Doch stellt sich die Frage, was die Menschen damit gemacht haben. Dass Gott ihnen das Leben auf der Erde zugesteht – obwohl sie böse sind24  – und sie machen lässt, hat heute offensichtliche Folgen für die Biosphäre. Was stabil war, ist auch durch masslose Gier und Kurzsichtigkeit der Menschen aus dem Gleichgewicht geraten. Der Meeresspiegel steigt langsam; Inseln und Küstengebieten droht die Überflutung. Was will der Schöpfer, dem wir einmal Rechenschaft geben werden, uns damit sagen?

Die Flut: altorientalische Mythen und die Bibel

Der biblische Sintflutbericht ist mit Mythen der frühen mesopotamischen Kulturen25 verglichen und als von ihnen abhängig gesehen worden. Doch dort gibt es Rivalität zwischen Göttern, hier den einen Gott, der die Menschen für ihr Handeln zur Rechenschaft zieht.26 Dort erschrecken die Götter selbst über die zerstörerische Wucht der Flut; in der Bibel denkt der allmächtige Gott auf dem Höhepunkt der Flut an Noah und seine Familie.27
Im Gilgamesch-Epos drängeln die Götter nach der Flut zum Opfer, gierig, seinen Geruch zu geniessen; Gott reagiert mit Segensworten. So zeichnet 1. Mose «ein völlig anderes Portrait Gottes als die verbreiteten altorientalischen Theologien».28 Und: Anders als die mesopotamischen Heroen ist Noah kein König, erscheint nicht als Held – es wird kein einziges Wort von ihm überliefert –, sondern er gehorcht einfach.

 

1 6,13 kontrastiert mit 1,31  |  2 6,17, vgl. 2,17  |  3 Gordon J. Wenham, Genesis 1-15, Dallas TX, 1987, 156: ein sog. erweiterter Chiasmus.  |  4 Spiegelbildlich auch die Zahlen der Tage: zweimal 7, 40, zweimal 150, 40, zweimal 7.  |  5 6,9 wird verstärkt durch 7,1  |  6 Wie Henoch, 5,22. Abraham und andere leben vor Gott, 17,1  |  7 In 7,8f hallt der Schöpfungsbericht von 1. Mose 1 nach.  |  8  135 m lang, 22 m breit, 13 m tief  |  9 Laut Michael Esses, Jesus in Genesis, Plainfield, N.J., 1974, 38, leitet Gott die Tiere durch seinen Heiligen Geist zur Arche; Noah muss sie nicht holen. Gott will auch sie retten.  |  10 Wenham 183  |  11 6,18  |  12 Manche übersetzen ruach hier mit Wind, doch die Stelle erinnert an 1,2.  |  13 In Vorwegnahme priesterlichen Handelns, Wenham 190. Das Prinzip in 3. Mose 17,11  |  14 Esses 49 umschreibt: «My grace and My mercy will temper My justice.»  |  15 Das hebräische Verb qll ist schwächer als ´ll, verfluchen.  |  16 Gott hebt den Fluch von 3,17 nicht auf, fügt jedoch auch nichts hinzu. 6,5 beschrieb den Menschen harscher. Vgl. 2. Mose 33,3; 34,9: Gott geht mit dem halsstarrigen Volk weiter.   |  17 Denn durch sie kam der Tod in die Welt, Römer 5,12.  |  18 Vgl. 3. Mose 7,26f  |  19 Hebräisch Bruder: eine Anspielung auf Kain. Jede Zerstörung des Ebenbilds Gottes, auch der Suizid, ist hier im Blick, Esses 47  |  20 Das Prinzip angemessener Vergeltung, vgl. 3. Mose 24,16ff  |  21 J. Calvin im Kommentar zu 9,5.  |  22 C. Delitzsch im Kommentar zur Stelle.  |  23 Der Talmud, Sanhedrin 56a, führt sieben Gebote an.  |  24 Zum Verderben der Erde, Offenbarung 11,18!  |  25 Vor allem die Atrahasis-Erzählung und das Gilgamesch-Epos.  |  26 1. Mose 6,5f. Wenham 164: In der Atrahasis wird die Vernichtung der Menschen beschlossen, weil diese zu viele werden und zu viel Lärm machen; doch das Vorhaben der Götter Anu und Enlil wird hintertrieben.  |  27 1. Mose 8,1 – die Wende.  |  28 Wenham 165
 

wort+wärch: März 2023 | Text: Peter Schmid, Redaktion | Bild: Noahgeschichte für Dunganen. IBÜ/K. Shimova