Vom roten Kopf zum offenen Herzen

Mittwoch, 4. März 2026

Bist du schon mal so richtig wütend geworden? Vielleicht als der Fahrer vor dir ausserorts nur 50 gefahren ist? Oder vielleicht, als dein Kind den Brokkoli lieber an den Hund verfüttert hat, anstatt ihn selbst zu essen? Welche Situation kommt dir dabei als erstes in den Sinn? Während meiner Weiterbildung im Bereich «Mitarbeiterförderung und Teamentwicklung» am IGW habe ich mich mit dem Thema der Wut auseinandergesetzt. Einige Punkte daraus möchte ich mit euch teilen.

Die Psychologie ging lange davon aus, dass Wut gesund ist. Mittlerweile hat sich ein ausgewogeneres Verständnis entwickelt. Wut ist ein starkes Gefühl, dass entweder durch echte, leider aber auch viel zu oft durch unterstellte Verletzung hervorgeholt wird. Der Psychologe Archibald Hart geht davon aus, dass neunzig Prozent unserer Wut nicht gerechtfertigt ist. Sie entspringt aus unserer Vorstellung und kommt aus der Tendenz, Dinge zu übertreiben. «Wut und Ärger basieren auf Gedankengängen, die anderen Menschen schlechte Motive für ihre Handlungen oder Fehlerhaftigkeit in ihrem Verhalten unterstellen.» (Marshal lB. Rosenberg, Was deine Wut dir sagen will, 2013, Seite 11)

Wenn wir also auf die Anfangsbeispiele zurückschauen, heisst dies, dass ich vielleicht dem Fahrer vor mir unterstelle, dass er absichtlich so langsam fährt. Dabei könnte es auch sein, dass ihm auf glatten Strassen bereits einmal ein Unfall widerfahren ist und er daher auf Nummer sicher gehen will. Oder vielleicht hat das Kind nicht die Absicht, den Brokkoli loszuwerden, sondern hat Mitleid mit dem Hund. Die Ursache unserer Wut liegt oft darin, dass wir selbst unerfüllte Bedürfnisse haben. So möchte ich beispielsweise rechtzeitig am Zielort ankommen. Und natürlich kommt mir genau dann ein Sonntagsfahrer in die Quere.

Wenn  Wut uns überwältigt, veranlasst dies uns manchmal, Dinge zu tun und zu sagen, die wir danach bereuen. (Thomas Härry, Die Kunst, sich selbst zu führen, 2015, Seite 202) Wut wird oft vom Wunsch nach Rache begleitet oder zumindest vom Wunsch danach, von der Gegenpartei eine gewisse Genugtuung zu erhalten. (Archibald Hart, Vorlesung am IGW) Dennoch sind unsere Gefühle wertvoll. Sie sind von Gott gegeben, aber sie sind nicht immer von Gott geprägt. (Härry, Seite 2031)

Hart nennt fünf Möglichkeiten für den Umgang mit Wut

  1. Verdrängung der Wut
    Wenn man sich mit der Wut gerade nicht auseinandersetzen will/kann, diese aber zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufflammen lässt.
     
  2. Unterdrückung der Wut
    Geschieht im Unterbewusstsein und kann teils gar zu schweren psychischen Erkrankungen führen.
     
  3. Sündenbock-Strategie
    Eine Person wird zum Sündenbock (oft sei dies der Ehepartner), der die Wut zu spüren bekommt, auch wenn die Person mit der Problematik gar nichts zu tun hat.
     
  4. Ventilation
    Bei der Ventilation wird die Wut in ein Verhalten umgewandelt (z. B. durch das gegenseitige Schlagen mit Schaumschläger). Diese Taktik war lange Zeit sehr populär, fördert jedoch antrainierte Aggression, welche irgendwann nicht mehr nur mit dem Schaumschläger geschieht.
     
  5. Vergebung
    Das bewusste Verzichten auf das Recht, Rache zu nehmen.

Für Hart ist klar, dass Vergebung die einzige wirkliche Lösung für den Umgang mit Wut ist. Vergebung ist Teil unseres Bundes mit Gott. Weil er uns vergeben hat, vergeben auch wir. So jedenfalls lehrt uns Jesus im Vaterunser «Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.» Matthäus 6,12 Paulus weist uns an: «Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit. Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.» Epheser 4,31-32

In unserem Alltag begegnen uns immer wieder Situationen, die in uns Wut hervorholen. Ich möchte mich selbst genau dann auch immer wieder reflektieren. Ist die Wut gerechtfertigt, oder unterstelle ich meinem Gegenüber gerade etwas, das möglicherweise gar nicht die Absicht war? Und wenn tatsächlich eine negative Absicht hinter der Situation steckt, die meine Wut mög-
licherweise rechtfertigt, will ich bereit sein dem Gegenüber zu vergeben.

Bericht ist in der März-Ausgabe vom wort-wärch erschienen. | Text: Linda Steiner, Ressortleiterin EGW Jugend | Bilder: unplash