Rom, ca. 60 n. Chr. in der Unterkunft des Petrus
Markus nahm einen letzten Bissen vom frischen Fladenbrot und wischte sich vergnügt den Mund ab. «Fantastisch! Deine Frau ist eine Meisterköchin.»
«Hörst du das, Schatz? Markus schwärmt von deinen Kochkünsten», rief Petrus sichtlich stolz seiner beschäftigten Frau zu, als sie von einem lauten Wumms aufgeschreckt wurden.
Was um alles in der Welt war das? Petrus’ Frau kam sofort angerannt und blickte in zwei irritierte Gesichter. Geistesgegenwärtig schaute sie sich im Raum um und bemerkte, dass ein Fensterladen gegen die Wand geschlagen war. «Auf geht’s! Schaut mal nach, was da los ist», forderte sie die beiden Männer auf, als ein zweiter kräftiger Knall sie erneut erschreckte. Diesmal gab es keinen Zweifel mehr. Der Wind hatte auch den zweiten Fensterladen an die Wand klatschen lassen. Als Petrus und Markus vor die Tür traten, kam ihnen ein starker Windstoss entgegen.
«Wieder einer der starken Sommerwinde», stöhnte Markus. Rom war bekannt dafür. «Hoffentlich hat keiner draussen ein grosses Feuer gemacht.» Es wäre nicht das erste Mal, dass der Sturm ein lokales Feuer schnell verbreitet und ihre Wohnung bedroht.
Petrus aktivierte seine Nase. «Scheint nicht nach Rauch zu riechen. Alles gut.»
«Mit diesem Wind ist nicht zu spassen», sagte Markus beeindruckt. «Fast unheimlich. Aber du als alter Fischer bist ja abgehärtet.»
«Denkst du! Nach aussen hin vielleicht. Als junger Fischer haben mir die plötzlich aufkommenden Stürme des Sees Genezareth weniger ausgemacht, bis ich ein-, zweimal heftig überrascht worden bin. Das sitzt mir bis heute in den Knochen.»
«Komm, hab dich nicht so», triezte Markus. «Im Vergleich zum Mittelmeer sind die Wellen des Sees Genezareth lächerlich.»
Petrus protestierte. «Vergiss es, du Städtler hast keine Ahnung. Wer es nicht selbst gesehen hat, kann es kaum glauben. Im Sommer können nachmittags starke Westwinde mit bis zu Windstärke 7 aufkommen. Da schwanken die Bäume am Ufer.»
«Unter Windstärke 7 kann ich mir nichts so richtig vorstellen», meinte Markus.
«Natürlich nicht, mein Jerusalemer Junge. Es bedeutet, dass der Wind so schnell war wie ein Rennpferd – bei einer Wellenhöhe von bis zu drei Metern.»
«Drei Meter!?» Markus war entsetzt. «Ich werde allein bei der Vorstellung seekrank. Da fällt mir gerade etwas ein: Hast du nicht Jesus ein solches Sturmerlebnis zu verdanken?»
Petrus lächelte. «Oh ja, wie könnte ich das vergessen? Hol deine Wachstafel, dann erzähle ich dir von unserem stürmischsten Erlebnis mit Jesus.»
«Super, ich bin gleich parat», sagte Markus.
«Wir, die Jüngerschar, waren mit Jesus und einer grossen Menschenmenge in der Nähe von Kapernaum am See», begann Petrus zu erzählen. «Jesus erzählte vom Reich Gottes und packte seine bekannten Gleichnisse aus. Das vom Sämann und vom Senfkorn. Gegen Nachmittag verabschiedete er sich von den Leuten und fuhr mit uns ans andere Seeufer.»
«Also nachmittags, wenn die Stürme aufkommen?», wandte Markus ein.
«Hey, gut aufgepasst. Es war die Zeit für Stürme, wobei alles ruhig aussah am Himmel. Von daher waren wir tiefenentspannt. Jesus hat sich gleich hingelegt.»
«Was? Wie bitte!», entrüstete sich Markus. «Schlafen auf hoher See? Ich würde über der Reling hängen.»
«Dann hättest du es nicht weit gebracht als Fischer», grinste Petrus. «Wir hatten auf dem Boot ein leicht erhöhtes Heck im hinteren Teil, wo der hölzerne Sitz des Steuermanns war. Da lag er friedlich und bekam von all dem nichts, aber auch überhaupt nichts mit.»
Markus schaute verdutzt. «Wie geht das?»
«Tja, bei Jesus verwundert einen kaum noch was. Ein Unwetter braute sich zusammen: meterhohe Wellen, stürmischer Wind und peitschender Regen. Das Wasser schoss über Bord. Nathanael schrie verzweifelt. Bartholomäus schleuderte von einer Welle getroffen durchs Boot. Verängstigt schaute ich meinen Bruder an. Todesangst. Die junge Jesus-Bewegung würde am Seeboden enden. Dann ergriff Jakobus mit letzter Kraft das Wort: ‹Es hilft alles nichts mehr. Komm, wir wecken Jesus.› Wir schrien gemeinsam: ‹Rabbi, ist es dir egal, dass wir ertrinken?›»
«Und Jesus?», fragte Markus aufgeregt.
«Er steht ruhig auf, blickt kurz zum See und sagt mit klarer Stimme: Sofort Ruhe!›, als würde er einen Hund zurechtweisen.»
«Und dann?»
«Ein paar leichte Wackler», berichtete Petrus. «Dann Ruhe. Kein Windhauch war mehr zu spüren. Kein noch so feiner Tropfen Wasser fiel mehr vom Himmel. Friedliche Stille. Wir schauten uns völlig perplex an.»
«Puh, Jesus hat Nerven», stellte Markus erleichtert fest. «Euch bis zum Letzten leiden zu lassen.»
Petrus antwortete: «Damit nicht genug. Das Heftigste kam noch.»
«Ach, stimmt, du wolltest auf das Wasser raus», erinnerte sich Markus.
Petrus wandte ein: «Nein, falsche Geschichte. Jesus sagte: ‹Ihr Angsthasen! Was ist los? Immer noch kein Gottvertrauen?›»
Markus zuckte zusammen. «Boom, der sass! Aber hey, natürlich hattet ihr Angst. Wer hätte das nicht in dieser Situation? Ich verstehe Jesu harte Worte nicht.»
«Mir ging es ähnlich», sagte Petrus. «Später begriff ich: Unsere Todesangst konnte nur entstehen, weil wir unseren Blick völlig auf den Sturm gerichtet hatten. Wir sahen die ausufernden Wellen, den höllischen Wind und das sinkende Boot. Doch wer glaubt, kann selbst in der Not Frieden finden.»
Markus nickte. «Allerdings sollten wir keine zu heldenhaften Töne anschlagen. Angst wird uns im Leben begleiten. Aber wir dürfen sie Gott im Gebet bringen. Und das habt ihr gemacht. Ihr habt Jesus um Hilfe angefleht.»
Petrus grinste. «Schon verrückt, selbst die Gezeiten hat er im Griff.»
«Das ist ein passender Schlusspunkt.» Markus schaute auf seine Notizen und las vor:
«Am Abend jenes Tages sagte Jesus zu seinen Jüngern: ‹Wir wollen ans andere Ufer fahren!› Sie schickten die Menge nach Hause, stiegen in das Boot, in dem Jesus bereits war, und fuhren mit ihm ab. Einige andere Boote begleiteten sie. Plötzlich brach ein heftiger Sturm los; die Wellen schlugen ins Boot, und es begann sich mit Wasser zu füllen. Jesus aber schlief im hinteren Teil des Bootes auf einem Kissen. Die Jünger weckten ihn und schrien: ‹Meister, macht es dir nichts aus, dass wir umkommen?› Jesus stand auf, wies den Wind in seine Schranken und befahl dem See: ‹Schweig! Sei still!› Da legte sich der Wind, und es trat eine grosse Stille ein. ‹Warum habt ihr solche Angst?›, sagte Jesus zu seinen Jüngern. ‹Habt ihr immer noch keinen Glauben?› Jetzt wurden sie erst recht von Furcht gepackt. Sie sagten zueinander: ‹Wer ist nur dieser Mann, dass ihm sogar Wind und Wellen gehorchen?›» Markus 4,35-41
Petrus nickte zustimmend. «Das trifft es! Genau diese offene Frage sollen sich unsere römischen Freunde stellen: Wer ist dieser Jesus für dich?»
Artikel in der März-Ausgabe vom wort-wärch erschienen. | Martin Preisendanz - Redaktionsteam, Pfarrer EGW in Steffisburg | Bilder: Canva