Rechnen wir mit der unsichtbaren Welt?

Mittwoch, 1. April 2026

Manchmal scheint sich der Himmel zu öffnen, sobald wir Jesus zu preisen beginnen, und zuweilen verflüchtigen sich dunkle Schatten allein durch ein schlichtes Gebet. Wer sich der Realität der unsichtbaren Welt bewusst ist, den überrascht dies nicht, doch viele Christen haben Mühe mit dem Übernatürlichen. Oft wird dieses schlicht ignoriert, zuweilen erfährt es aber eine unangemessen hohe Aufmerksamkeit.

Vor mehr als zwanzig Jahren kam ich in einem WK mit einem Militärkollegen aufs Thema Unsichtbare Welt zu sprechen. Er war unsicher, wie er Spuk-Erfahrungen einordnen sollte. Obwohl ich gerne darauf einging, genierte ich mich damals aber auch, inmitten anderer Kollegen über «seltsame Phänomene» zu sprechen. Diese sind nun wirklich nicht jedermanns Sache – dachte ich. Zu meinem Erstaunen kam einer nach dem anderen dazu und wusste von eigenen Erfahrungen zu berichten. So ging es vom Spuken zu Angstzuständen und anderem. Bis dahin hätte ich nie gedacht, dass Kirchendistanzierte einen ungezwungeneren Umgang mit dunklen Mächten haben können als Kirchengänger. Letztere erlebe ich oft als befangen, unsicher und stets bemüht, das Thema schnell auf «Angenehmeres» zu richten. «Schliesslich», so wird gesagt, «wollen wir nicht hinter jedem Busch einen Dämon sehen.» Heute bedaure ich, dass sich Christen mit der Realität von Dämonen so schwertun.

Jesus ist grösser und stärker!

Von 2001 bis 2020 lebten Emanuel Zwygart und seine Familie als Missionare in Thailand. Neben dem Buddhismus herrscht in Thailand ein allgemeiner Geisterglaube. «Der Buddhismus wurde quasi über den Animismus, den Geisterglauben gestülpt», erzählt Emanuel. «Der Alltag der Thais ist geprägt von der Furcht vor Geistern einerseits, aber auch vom Bestreben, die Macht der Geister zu Nutze zu machen oder sich vor ihnen zu schützen.» Bei einem Todesfall wird der Geisterglaube besonders ersichtlich. Die Hinterbliebenen fürchten sich vor dem Geist des Verstorbenen, was für junge Gläubige eine Herausforderung ist. «An dieser Stelle wies ich immer darauf hin, dass die geistliche Welt zwar real ist, die Begegnung jedoch nicht mit der verstorbenen Person, sondern mit einem Geistwesen geschieht.»

«In Thailand muss man niemandem sagen, dass die unsichtbare Welt Realität ist. Schon in der Sonntagschule sind Geschichten relevant, wo Jesus böse Geister austreibt, um den Kindern zu zeigen, dass Jesus stärker als alle Dämonen ist. Wenn Thais zum Glauben an Jesus finden, müssen Bindungen zu bösen Geistern gelöst werden. Sie dürfen dabei erfahren, dass Jesus, der nun in ihnen lebt, stärker ist.» Die immense Kraft im Bekenntnis an Jesus lernte Emanuel praktisch kennen. Den bösen Mächten in eigener Kraft zu begegnen, ist sinnlos – die Kraft von Jesus aber real. «Das Gebet um Schutz gehörte zu unserem Alltag. Um uns herum gab es ständig geistliche Kollisionen.»

«In Thailand spürten wir beim Eintreten in ein Haus sofort, ob da Christen lebten oder ob spirituelle Rituale durchgeführt wurden.» Auch Nichtchristen in Thailand spüren, ob jemand zu Gott gehört, das heisst, den Heiligen Geist besitzt oder ob er unter den bösen Mächten lebt.

Heute ist Emanuel Pfarrer im EGW Ruswil. Er stellt fest, dass in der Schweizer Bevölkerung das Bewusstsein von unsichtbaren Mächten wächst. «Hier ist die geistliche Welt genauso real wie in Thailand, auch wenn sie sich anders manifestiert.»

Ausgewogenheit und die Gabe der Unterscheidung

Junge und unerfahrene Christen neigen manchmal dazu, alles geistlich zu interpretieren. Das Entdecken unsichtbarer Realitäten muss erst einmal zu einer reifen Sichtweise heranwachsen. Das ist normal.

Beispielsweise ist es eine Sache, die geistliche Komponente einer schwermütigen Person festzustellen. Doch die depressive Stimmung ist nicht zwingend geistlich verursacht – genauso wenig wie die Ursache von Rückenschmerzen körperlich sein muss. Hier brauchen wir einen differenzierten und weisen Umgang.

Hinter geistliche Festungen stecken oft tiefsitzende Lebenslügen. Da ist es hilfreich, sich der geistlichen Dimension bewusst zu sein, doch letztlich begegnen wir dem Problem mit der Wahrheit, welche Licht ins Dunkel bringt.

Das Wichtigste ist die Liebe

Rosmarie Zysset aus Roggwil ist Lebensberaterin (ICL) mit Zusatzausbildung Trauma und Befreiungsdienst. Im Begleiten von Menschen sind Weisheit und Unterscheidung wichtig. «Schon mehrmals habe ich gehört, dass Hilfesuchende unsensibel behandelt wurden.» Deshalb sagt sie: «Ich will gereift sein, weil ich weiss, wie viel Unheil ich bei Hilfesuchenden anrichten kann.»

Rosmarie betont die Wichtigkeit, sich vom Heiligen Geist führen zu lassen und auf ihn zu hören. «Wenn ich seine Stimme nicht höre, handle ich aus mir selbst und das ist nicht hilfreich.» Der Heilige Geist weiss, was zu tun ist und Rosmarie ist sich bewusst, seine Hilfe zu brauchen. Doch auch Wissen ist wichtig – unter anderem über die unsichtbare Welt. «Wir begeben uns in eine Welt, die nicht immer harmlos ist. Wir müssen nicht Angst haben, sollten aber nicht blauäugig sein.»

«Zuerst nehme ich eine hilfesuchende Person als Mensch wahr», erzählt Rosmarie. Sie hört zu und geht auf das ein, was erzählt wird. Wenn sie eine tieferliegende Ebene erkennt, spricht sie diese nicht zwingend direkt an. «Zuerst brauche ich Erkenntnis, wo das Problem liegt, doch dann brauche ich Weisheit und Einfühlungsvermögen, um mich richtig zu verhalten. Gottes Zeitplan zu erkennen ist wichtig. Es geht darum, mit der Person unterwegs zu sein, so wie Gott es führt.»

«Es gibt Leute, die stets nach einer Befreiung streben, während andere das Unsichtbare ausklammern.» Rosmarie möchte diese beiden Extreme vermeiden. Doch das Wichtigste ist ihr die Liebe. «Ich will Menschen mit der Liebe Gottes begegnen.»

Bericht ist in der April-Ausgabe vom wort-wärch erschienen. | Text: Markus Richner-Mai, Redaktion  | Bilder: pewels, pixabay