Eine Stadt wie ein Garten
Mit dem Jeep fahren wir auf der staubigen Strasse durch die trockene Sahara-Wüste. Es ist heiss und die Vegetation fast komplett verdorrt. Während langer Zeit sehen wir nichts anderes. Und dann sind wir da: Vor uns ist eine kleine Oase mit hohen, grünen Baobab-Bäumen. Im 100 Meter tiefen Brunnen sprudelt klares Wasser. Er ist eine Lebensader. Vor vielen Jahren wurde hier ein Landwirtschafts-Projekt gestartet. Feigen, Mais und Mangos wachsen. Es riecht nach feuchter Erde und das Klima ist merklich kühler. Hier lebt eine kleine, christliche Gemeinschaft, welche auch Lernende ausbildet.
Perfekt ist dieses Projekt nicht. Auch da wachsen Dornen. Die Arbeit ist mühsam und treibt den Schweiss ins Gesicht. Dennoch spüre ich etwas von einem längst vergangenen Garten, wie er im Schöpfungsbericht beschrieben wird. Oder ist es ein kleiner Vorläufer von der noch kommenden Gartenstadt, wie sie in der Offenbarung angekündigt wird? Himmel und Erde sind beieinander: Gott wohnt bei den Menschen. Die Menschen kultivieren die Gartenstadt. Gott, Mensch und Schöpfung sind im Frieden. 1
Wir alle wissen, dass diese Realität schon weit zurück ist; oder noch weit vor uns liegt. Unsere Realität heute ist eher geprägt von der staubigen Wüste, den Dornen, dem Schweiss und den Schmerzen. 2 Wie sieht darin unsere Berufung aus?
Es ist eine Berufung!
Gallup erforscht globale Trends. Dabei haben sie vor ein paar Jahren festgestellt: «Was die ganze Welt will, ist ein guter Job. Dies ist eine der wichtigsten Entdeckungen, die Gallup je gemacht hat. Unsere Weltumfrage in 160 Ländern hat ergeben, dass sich der grosse globale Traum in den letzten 100 Jahren von dem Wunsch nach Frieden, Freiheit und Familie zu dem einfachen Wunsch nach einem guten Job gewandelt hat.» 3
Diese Umfrage zeigt, dass eine gute Arbeit eines der wichtigsten Anliegen unserer Zeit ist. Es geht dabei nicht nur «um einen Job» als Broterwerb. Es geht um eine erfüllende Arbeit und Selbstverwirklichung, die als Berufung verstanden wird. Gott oder Spiritualität wird ausgeklammert oder dient höchstens als Mittel zum Zweck.
Auf diesem Hintergrund wird eine solide Theologie von Beruf und Berufung umso wichtiger.
Das biblische Verständnis
Berufung im Alten Testament meint zunächst einmal «Rufen». Gott ruft die Erdenmenschen Adam und Eva: Wo bist du? Diese Frage ist auch an dich und mich gerichtet. Wo bist du in deiner Gottesbeziehung? Wo versteckst du dich vor Ihm? Ein zweiter Schwerpunkt legt Gott bei der Berufung von Abraham: Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein. Darin werden die Grundzüge fürs Gottesvolk festgelegt: Sie sind zuerst Empfangende und können dadurch zu Gebenden werden. Dabei hat Gott schon hier alle Völker dieser Erde vor Augen. Und schliesslich finden wir im Alten Testament, wie Gott einzelne Menschen für bestimmte Aufgaben beruft: zu Priestern, zu Königen und zu Prophetinnen und Propheten. 4
Im Neuen Testament zieht sich diese Linie der Berufung weiter. Auch hier steht der Ruf Gottes im Zentrum: Gott ruft Menschen aus der Welt heraus in die Nachfolge von Jesus hinein. Es entsteht eine «Ekklesia» (die «Herausgerufenen»). Sie ist Kontrastgesellschaft, welche von Gottes Gnade und Barmherzigkeit geprägt ist. Eng damit verbunden ist der Sendungsauftrag
von Jesus. Sie sind berufen, in die ganze Welt zu gehen, die Menschen alles zu lehren (nämlich Gott und die Menschen zu lieben) und sie zu taufen (im Wasser und Geist). Und auch im Neuen Testament gibt es vereinzelt eine Berufung in eine bestimmte Aufgabe. So ordnet Paulus an, dass jede Person in dem Stand lebt und die Aufgabe ausübt, zu der Gott sie berufen hat. 5
Hempelmann & Swarat schreiben zusammenfassend: «Das Ziel der Berufung ist die völlige Erkenntnis Gottes (Epheser 1,8) und die ewige Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch (Philipper 3,14; Epheser 4,4; 1. Timotheus 6,12)…» 6
Berufung konkret
Was bedeutet dies nun konkret für dich und mich? Unsere erste und wichtigste Berufung hat nichts mit einer Tätigkeit zu tun. Wir sind einfach «Herausgerufene» aus dieser Welt, um in Gemeinschaft mit Gott zu sein. Weiter sind wir in die Welt «Hineingerufene» mit dem Auftrag, Gott und die Welt zu lieben und ihr zu dienen. Dabei findet unsere Berufung oftmals im Bereich unserer Begabung und im Bereich unserer Leidenschaft statt. Was kannst du gut? Und was machst du gerne? Gut möglich, dass Gott dich hier einsetzen will.
Als dritter Schnittpunkt beruft uns Gott oftmals da, wo eine bestimmte Not oder ein konkreter Bedarf vorhanden ist.Kannst du gut Lehrinhalte vermitteln (Begabung)? Und bist du gerne mit Kindern im Kontakt (Leidenschaft)? Gerade in Zeiten, in denen Lehrpersonen gesucht werden, ist die Chance gross, dass Gott dich zu dieser Aufgabe beruft. Oder bist du handwerklich begabt und reparierst mit ein paar einfachen Handgriffen das zerbrochene Fenster? Gut möglich, dass Gott dich hier einsetzt. Vielleicht aber hat dein Mitmensch eine existentielle Krise und ist auf der Suche nach Gott. Da braucht es keine besondere Begabung: Wie könntest du ihr oder ihm mit der guten Nachricht des Evangeliums dienen?
1 1. Mose 1-2, Offenbarung 20-22 | 2 1. Mose 3 | 3 Clifton, Jim 2017. What the Whole World Wants. Online news.gallup.com/opinion/chairman/187676/whole-world-wants.aspx; Stand 2023-08-17 (eigene Übersetzung) | 4 1. Mose 3,1; 1. Mose 12; Und z.B. Jesaja 6 | 5 Markus 1; Matthäus 28; 1. Korinther 7,17 f. | 6 Hempelmann Heinzpeter & Swarat Uwe, 2019. ELThG2, 2. Auflage, Holzgerlingen: SCM R. Brockhaus, Berufung (Seite 783 f. und Seite 794) | 7 Buchempfehlung dazu: Timothy Keller, Berufung, Brunnen Verlag; Hybels, Bugbee & Cousins, D.I.E.N.S.T.: Entdecke dein Potential, Gerth Medien
Der Artikel erschien in der wort+wärch-Ausgabe vom August-September 2026 | Text: Andreas Schmid - Redaktionsteam und Pfarrer EGW in Biel | Bild: freepik