Dieses Jahr stand der Jungendleitertag unter dem Thema «Herausforderung Theologie heute».
Was geschieht, wenn Glaubensfundamente bröckeln und gleichzeitig die Fronten härter werden? Der Jugendleitertag und die anschliessende Retraite Ende Januar stellten sich genau dieser Spannung. Der Referent Roland Hardmeier nahm die Teilnehmenden mit in eine aktuelle Analyse kirchlicher Strömungen und zeigte einen überraschend hoffnungsvollen Weg für die Mitte.
Wenn Brücken einstürzen
Das Referat wurde mit einem eindrücklichen Bild eröffnet: die eingestürzte Brücke von Genua. Brücken fallen nicht einfach so zusammen. Lange zuvor entstehen feine Risse, die oft unbemerkt bleiben. Roland übertrug dieses Bild auf gegenwärtige Glaubensentwicklungen. Auch Glaubensfundamente brechen selten plötzlich weg. Oft sind es schleichende Prozesse, die schliesslich zum Einsturz führen. Viele erleben heute, dass Glaubensüberzeugungen, die früher klar waren, ins Wanken geraten. Die religiöse Landkarte unserer Zeit ist in Bewegung. Überzeugungen werden hinterfragt, neu zusammengesetzt oder bewusst abgebaut. Diese Dynamik bezeichnete Roland als ein Krisenphänomen der Postmoderne.
Zwei starke Pole
Besonders sichtbar wird diese Entwicklung in zwei gegenläufigen Strömungen. Auf der einen Seite der Postevangelikalismus: Menschen mit feinem Gespür für gesellschaftliche Fragen, die einen glaubwürdigen Glauben in der modernen Welt suchen. Sie dekonstruieren bewusst Glaubensinhalte, wodurch jedoch zentrale Glaubenssäulen ins Wanken geraten. Auf der anderen Seite steht der Fundamentalismus. Hier wird stark an der Autorität der Bibel festgehalten, jedoch oft in einer Weise, die wenig Raum für andere Sichtweisen lässt.
Beide Pole sind attraktiv. Sie bieten scheinbar klare Antworten. Und doch zeigte Roland, dass die «klassisch-evangelikale» Mitte ein dritter Weg sein kann. Diese Mitte teilt grundlegende Glaubensüberzeugungen mit dem Fundamentalismus, bleibt jedoch weltoffen und dialogbereit.
Dekonstruktion oder Kontextualisierung?
In der anschliessenden Fragerunde wurde deutlich, wie fliessend die Grenzen zwischen Dekonstruktion und Kontextualisierung sein können. Wie können biblische Wahrheiten heute gelebt werden, ohne sie auszuhöhlen? Wo beginnt der Abbau des Fundaments?
Roland ermutigte zu grosser Vorsicht darin, anderen den Glauben abzusprechen, wenn sie sich zu Jesus bekennen, auch wenn sie in einzelnen Fragen liberal oder konservativ denken und handeln. Gleichzeitig brauche es aber Klarheit darüber, was zentral und was nachgeordnet sei.
Gesunder Umgang mit Zweifel
Ein wichtiger Schwerpunkt war der Umgang mit Glaubenszweifeln. Während sie im postevangelikalen Umfeld oft als Zeichen von Mündigkeit gelten, werden sie im fundamentalistischen Umfeld als Gefahr gesehen. Roland plädierte für einen dritten Weg: einen gesunden Glauben, der Zweifel zulässt und sie vor Gott bringt. Es sollten Zweifel geäussert und Fragen gestellt werden, und das Gespräch mit Gott und mit Menschen gesucht werden.Gerade Jugendleitende stehen hierbei in einer Schlüsselrolle.
In der Bibel verwurzelt bleiben
Wie entscheidend das Grundvertrauen in die Bibel ist, wurde mehrfach betont. Unser Glaube gründet auf überlieferten Zeugnissen. Deshalb brauchen wir Gewohnheiten, die unseren Glauben nähren, wie z.B. Bibellesen, Gottesdienst, Gebet und verbindliche Gemeinschaft. Roland gebrauchte das Bild einer Wasserrinne: Damit Wasser fliessen kann, ist Vorbereitung und Pflege nötig. Gottes Wirken geschieht oft durch treue geistliche Gewohnheiten.
Menschen nachhaltig lieben
Im Umgang mit Menschen, die sich vom Glauben entfernen oder anders denken, rief Roland dazu auf, nicht auf Distanz zu gehen, sondern im Gespräch zu bleiben. Man solle Menschen nachhaltig lieben, auch dort, wo man Lebensstile nicht teilt.
Diese Haltung erfordert eine wachsende Ambiguitätstoleranz, also die Fähigkeit, Spannungen auszuhalten, ohne vorschnell zu urteilen.
Menschen nachhaltig lieben
Im Umgang mit Menschen, die sich vom Glauben entfernen oder anders denken, rief Roland dazu auf, nicht auf Distanz zu gehen, sondern im Gespräch zu bleiben. Man solle Menschen nachhaltig lieben, auch dort, wo man Lebensstile nicht teilt.
Diese Haltung erfordert eine wachsende Ambiguitätstoleranz, also die Fähigkeit, Spannungen auszuhalten, ohne vorschnell zu urteilen.
Meinem Gegenüber einen Vertrauensvorschuss geben
Am Nachmittag gewährte die Theologische Kommission des EGW-Gesamtwerks Einblick in ihre Arbeit. Die Mitglieder der Theologischen Kommission gingen offen und wertschätzend auf die Fragen der Teilnehmenden ein und zeigten, wie sie selbst mit theologischen Spannungen umgehen.
Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir die Aussage: «Im Umgang mit unterschiedlichen Meinungen möchte ich meinem Gegenüber einen Vertrauensvorschuss geben.» Dieser Gedanke fasst treffend zusammen, was den Tag prägte: Spannungen nicht mit Abgrenzung, sondern mit Offenheit und Respekt zu begegnen. Eine Haltung, die in der Arbeit mit Jugendlichen immer wieder gefragt ist.
Anschliessend wurden die Impulse des Tages in Gemeindegruppen vertieft. Der Austausch zeigte, wie aktuell diese Themen für die Gemeindearbeit vor Ort sind.
Retraite
Direkt im Anschluss an den Jugendleitertag reisten einige Teams ins Jugendhaus nach Aeschi weiter, um dort an der Retraite teilzunehmen. Dort stand die Teamzeit im Mittelpunkt. In Spielen, Teamchallenges und Workshops investierten die Teilnehmenden bewusst in ihre Zusammenarbeit als Team. So endeten diese Tage nicht nur mit neuen theologischen Einsichten, sondern auch mit gestärkter Gemeinschaft, ehrlichen Gesprächen und einer gemeinsamen Ausrichtung für den Einsatz unter Jugendlichen.
Diese Haltung erfordert eine wachsende Ambiguitätstoleranz, also die Fähigkeit, Spannungen auszuhalten, ohne vorschnell zu urteilen.
Artikel ist in der April-Ausgabe vom wort-wärch erschienen. | Text: Carina Kurt, Jugendarbeiterin im EGW Spiez | Bilder: Kernteam EGW Jugend