In Gemeinden des EGW setzen sich Präsidentinnen und Präsidenten ehrenamtlich und oft mit grossem Engagement ein. Marcel Gehri (50), langjähriger Präsident im EGW Biel, ist verheiratet mit Evelyne. Gemeinsam mit ihren drei (jungen erwachsenen) Kindern leben sie in Biel.
«Ich bin kein EGW-Kind», erzählt Marcel. «Ich wuchs auch nicht in einem christlichen Elternhaus auf.» Als Teenager wurde er von einem Schulkameraden in die Jungschar eingeladen. Bald fühlte er sich dort zu Hause und besuchte später die Jugendgruppe.
Für Marcel war es schwierig, seinen entdeckten Glauben nicht mit seiner Familie teilen zu können. In der Folge wurde seine Gemeinde für ihn immer mehr zu einer Familie. «Zu sehen, wie man gemeinsam unterwegs sein kann, hat mich berührt.» Ein Teil der Gemeinschaft zu sein, war ihm wertvoll; und er wurde bereits als Jugendlicher gefördert. Er konnte sich einbringen, mitgestalten und hielt auch hin und wieder eine Predigt. Als Jugendlicher Gestaltungsraum zu erhalten, prägte ihn und heute will auch er eine Plattform für Junge bieten.
Inspiriert von Nelson Mandela
Mit 22 Jahren lebte Marcel ein Jahr in Südafrika. Eine solche Horizonterweiterung bringt vieles mit sich; ganz besonders betont er, wie er von der Führungskultur Nelson Mandelas berührt wurde. Das Leben dieses Mannes zeigte Wirkung. «Sein Optimismus nach 27 Jahren im Gefängnis ist inspirierend.» Es war kein naiver Optimismus, der Schwierigkeiten ausblendet, sondern einer, der durch Haft und Widrigkeiten Tiefe und Glaubwürdigkeit gewann. Gleichzeitig war Mandela demütig und stets bereit, sich mit Feinden zu versöhnen. Das Brückenbauen und das Schrankenabreissen zeichneten ihn aus und darin fand Marcel ein Vorbild, dem er heute folgen möchte.
EGW Biel
Nach der Heirat mit Evelyne kam die Frage auf, wo sie sich einbringen wollten. Es wurde klar, dass sie gerne an ihrem Wohnort eine Gemeinde besuchen möchten und so wechselten sie ins EGW Biel. Das liegt nun schon mehr als 15 Jahre zurück und sie sind als ganze Familie noch immer mit viel Herzblut dabei.
2012 wurde Marcel angefragt, Teil des Bezirksrates zu werden. «Nur zwei Jahre später kam die Anfrage, die Nachfolge des abtretenden Bezirkspräsidenten anzutreten.» Er sagte zu und ist seither Präsident. Selbst nach all diesen arbeitsintensiven Jahren bewertet er das Amt als grossen Gewinn. «Und das Miteinander des
Bezirksrats erlebte ich in all diesen Jahren sehr gut.»
Freud und Leid eines Präsidenten
«Für mich ist es ein Privileg, Teil des EGW Biel zu sein und so Reich Gottes zu bauen.» Obwohl Marcel viel Schönes erlebt, setzt ihm die Verantwortung zuweilen aber auch etwas zu – besonders in Krisen. Es gibt Situationen, wo man es nicht allen recht machen kann und der Gemeinde auch nicht alle Einzelheiten der Entscheidungsfindung vorlegen kann. «Das gab auch schon schlaflose Nächte.» Dabei schätzt Marcel jedoch, dass schwere Entscheide als Team getroffen werden. Auch wenn es zuweilen Diskussionen gibt, stehen am Ende alle zusammen.
Es gibt Krisen, die nicht gelöst werden können und trotzdem Entscheidungen verlangen, hinter denen nicht die ganze Gemeinde steht. Eine solche Krise war Corona. Als harmoniebedürftiger Mensch war dies für ihn nicht einfach. Umso mehr freut er sich darüber, dass er mit den Personen, mit denen er damals heftige Diskussionen geführt hat, auch heute noch freundschaftlich unterwegs sein kann.
Marcel freut sich über die positive Entwicklung der Gemeinde und wie Einzelne im Glauben wachsen. Besonders freut ihn, wie junge Menschen sich reingeben und mitgestalten. Er selbst ist inzwischen in einem Alter, in welchem er Raum für Jüngere schaffen will. Er möchte Menschen freisetzen und ihnen Freiräume zum Gestalten geben. In einer Gemeinde braucht es viele Frauen und Männer, die zum Leiten und Mitarbeiten bereit sind. Darin, dass immer wieder rechtzeitig die richtigen Personen da waren, erkennt Marcel Gottes Führung.
Aufgaben als Präsident
Was ist eigentlich die Aufgabe des Präsidenten einer EGW-Gemeinde? Im Zusammenhang mit seiner eigenen Tätigkeit erwähnt Marcel drei Aspekte:
- Er will sicherstellen, dass die Rahmenbedingungen gegeben sind, damit die Gemeinde funktionieren kann. Angestellte und Ehrenamtliche sollen ihr Potenzial entfalten können.
- Als Teamleiter der Gemeindeleitung hat er eine führende Rolle. Auch wenn er nicht die alleinige Verantwortung trägt, führt er in seiner Aufgabe als Sitzungsleiter doch das Team an und prägt damit die strategischen Schwerpunkte.
- Und dann ist da noch die Funktion des Krisenmanagers: «Wenn kurzfristige Entscheidungen getroffen werden müssen oder Krisen aufkommen, ist es meine Aufgabe, da reinzustehen.»
«Eine offene Feedbackkultur ist mir sehr wichtig.» Wenn sich Unzufriedenheit im Hintergrund aufstaut, kann sich diese auf ungute Weise entladen. Deshalb will er «offen und ehrlich miteinander unterwegs sein und gemeinsam vorwärtsgehen». Am Ende ist es immer eine Teamleistung: ohne ein grossartiges Gemeindeleitungsteam im Rücken zu haben, wäre vieles nicht möglich.
Marcel Gehri zum Bild: «Ich rudere im Seeclub Biel. Das bedeutet mir viel. Im Sommer findet man mich zweimal wöchentlich auf dem See – im Winter einmal. Ich sage oft: Wenn du draussen auf dem See bist, werden alle Probleme klein.»
Der Wert, Teil des Gesamtwerkes zu sein
«Als Leiter ist man oft etwas einsam.» Dies sei nicht nur in der Gemeinde so, sondern auch in der Firma – Marcel ist kaufmännischer Geschäftsführer einer Maschinenbaufirma. An der Spitze zu stehen, bringt mit sich, dass man dort zuweilen allein steht und Unsicherheiten und interne Spannungen aushalten muss. Aber die im EGW gelebte geteilte Verantwortung mit dem Pfarrer empfindet er als sehr wertvoll und entlastend.
«Ich schätze am EGW, dass ich das Gesamtwerk hinter uns weiss.» Marcel spricht von Personen, mit welchen er in schwierigen Situationen Rücksprache nehmen kann, die ihm den Rücken stärken und Unterstützung bieten. Marcel erwähnt aber auch das EGW-Handbuch, das Leitlinien gibt und dadurch Sicherheit bietet.
Quelle: wort+wärch-Ausgabe vom März 2026 | Text: Markus Richner-Mai, Redaktion | Bilder: zVg