Markus 11,12-14
12 Und am folgenden Tag, als sie Bethanien verliessen, hatte er Hunger. 13 Und er sah von ferne einen Feigenbaum, der Blätter hatte, ging hin, ob er wohl etwas daran fände. Und als er zu ihm kam, fand er nichts als Blätter; denn es war nicht die Zeit der Feigen. 14 Und Jesus sprach zu ihm: «Nie mehr esse jemand eine Frucht von dir!» Und seine Jünger hörten es.
Markus 11,20-25
20 Und als sie am Morgen vorbeigingen, sahen sie, dass der Feigenbaum verdorrt war bis zur Wurzel. 21 Da erinnerte sich Petrus und sprach zu ihm: «Rabbi, siehe, der Feigenbaum, den du verflucht hast, ist verdorrt.» 22 Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: «Habt Glauben an Gott! 23 Wahrlich, ich sage euch: Wer zu diesem Berg sagt: Heb dich empor und wirf dich ins Meer! und in seinem Herzen nicht zweifelt, sondern glaubt, dass geschieht, was er sagt, dem wird es geschehen. 24 Darum sage ich euch: Alles, worum ihr betet und bittet – glaubt, dass ihr’s empfangt, so wird’s euch zuteil werden. 25 Und wenn ihr steht und betet, so vergebt, wenn ihr etwas gegen jemand habt, damit auch euer Vater im Himmel euch vergebe eure Übertretungen.»
1. Der verdorrte Feigenbaum – ein Zeichen mit Botschaft (Verse 12-14)
Dass Jesus diesen Baum verflucht, erscheint zunächst rätselhaft, bekommt im Zusammenhang aber seinen Sinn. Denn sein Handeln stellt ein Gleichnis dar, das den geistlichen Zustand Israels widerspiegelt. Das Geschehen ist ein prophetisches Zeichen. In der Bibel steht der Feigenbaum oft als Bild für Israel (z. B. Hosea 9,10; Jeremia 8,13).
Jesus kommt «hungrig» – suchend nach Glauben, nach geistlicher Frucht – und findet nur Blätter, also äusseren Schein ohne innere Substanz. Damit richtet sich das Zeichen gegen einen glaubensleeren Gottesdienst und ein religiöses Leben, das äusserlich schön wirkt, aber keine echte Frucht trägt. Der verdorrte Feigenbaum macht sichtbar, was mit jedem geschieht, der nur religiös lebt, ohne lebendigen Beziehungsglauben.
2. Der Glaube, der Berge versetzt (Verse 22–24)
Jesus kommt am nächsten Morgen mit den Jüngern wieder am Feigenbaum vorbei und sie sehen, dass der Baum bis zur Wurzel verdorrt ist. Petrus erinnert sich und sagt zu Jesus: «Rabbi, sieh doch! Der Feigenbaum, den du verflucht hast, ist verdorrt.» Es scheint, als ob Petrus über «die Macht der Worte Jesu» erstaunt ist. Gewiss, Petrus hatte die Kraft der Worte von Jesus bereits erlebt: Als dieser dem Sturm gebot, still zu sein, oder seinen verstorbenen Freund Lazarus aus dem Grab rief. Dass dieser Baum jedoch so «aussieht», hat selbst Petrus überrascht.
Einmal mehr wird die Kraft vom Sohn Gottes vor Augen geführt, indem Jesus alle Naturgesetze ausser Kraft setzt. Man könnte erwarten, dass jetzt eine Erklärung folgt, weshalb der Baum vertrocknet ist. Aber Jesus ist Jesus und er nutzt das Momentum für etwas anderes. Er kommt auf das Wesentliche des Glaubens zu sprechen. Denn so hat unser Glaube ein klares Zentrum und eine klare Mitte.
Ohne auf den verdorrten Feigenbaum einzugehen, sagt Jesus zu den Jüngern: «Habt den Glauben Gottes». Andere Übersetzungen schreiben «habt Gottesglauben» oder «habt Glauben in Gott hinein». Jesus erklärt, dass wahre Macht im Glauben an Gott liegt. «Habt Glauben an Gott!» ist der Kern der Lehre. Nicht menschliche Willenskraft bewirkt etwas, sondern das Vertrauen auf Gottes Wirken.
Das Bild des «Berges, der sich ins Meer wirft», ist eine orientalische Redewendung für das scheinbar Unmögliche. Jesus drückt damit aus, dass Glauben auch mit Unmöglichkeiten zu tun hat. Es ist der Glaube, dass Gott Unmögliches schaffen kann. So geht es an dieser Stelle darum: Habt Vertrauen an und in Gott, er hat die Macht und Kraft zu wirken und Dinge zu verän-
dern.
Jesus lehrt, dass Gebet im Glauben reale Auswirkungen hat.
3. Gebet, Glaube und Vergebung (Vers 25)
Jesus verbindet das Gebet unmittelbar mit Vergebung. Echte Glaubenskraft ist nicht losgelöst von geistlichen Prinzipien. Wer betet, soll vergeben, damit auch er selbst Vergebung empfängt. Das erinnert an das Vaterunser: «Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.»
Glaube, Gebet und Vergebung sind also drei untrennbare Dimensionen des Lebens mit Gott. Ein Herz, das an Bitterkeit oder Unversöhnlichkeit festhält, kann kaum frei glauben und vertrauen.
4. Was das für uns bedeutet
Dieser Text lehrt mehrere zentrale Wahrheiten:
1. Gott sucht Frucht, nicht bloss Blätter.
Christlicher Glaube zeigt sich in gelebter Liebe, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit – nicht nur in religiösen Formen oder schönen Worten.
2. Glaube ist Vertrauen, dass Gott handelt.
Jesus ruft zu einem Glauben auf, der mit Gottes Eingreifen rechnet. «Berge versetzen» heisst, im Vertrauen auf Gottes Macht auch das Unmögliche zu erwarten.
3. Gebet ist Beziehung.
Wir beten nicht, um Gott zu manipulieren, sondern um uns mit seinem Willen zu verbinden. Glaubensgebet entsteht aus einer lebendigen Beziehung mit ihm.
4. Vergebung öffnet das Herz.
Wer anderen vergibt, wird selbst frei, Gottes Vergebung zu empfangen und Glauben zu leben. Unvergebenheit blockiert geistliches Wachstum.
Schlussgedanke
Der verdorrte Feigenbaum ist Warnung und Einladung zugleich. Er warnt vor äusserlichem Glauben ohne Frucht, und er lädt ein zu einem Beziehungsglauben, der aus dem Herzen lebt – im Vertrauen, im Gebet, in der Vergebung.
Jesus lehrt, dass wahres geistliches Leben nicht aus menschlicher Anstrengung, sondern aus Glauben an Gott erwächst. Ein solcher Glaube ist lebendig, fruchtbar und voller Kraft, weil er ganz auf den vertraut, der «derselbe ist gestern, heute und in Ewigkeit». Hebräer 13,8
Der Artikel erschien in der wort+wärch-Ausgabe vom November 2026 | Text: Andreas Blaser - Pfarrer EGW in Hasle-Rüegsau | Bilder: pixabay