• Jazz zur Einweihung des Reformationstrucks in Genf, 3. November 2016

«Ich glaube an die eine Kirche»

Was viele evangelische Christen angesichts ihrer diversen Kirchen für eine Nebensache halten, könnte ihr Zeugnis stärken. Was ist die eine Kirche? Der Evangelisch-Theologische Pfarrverein hat dies in Bern mit dem STH-Professor Sven Grosse erörtert.

Grosse ging in seinem Vortrag im CAP am 14. November von der Universalität der Kirche aus: Sie besteht aus einzelnen Ortskirchen, geht aber nicht in ihnen auf. Der Begriff der Katholizität (griechisch kat holon, aufs Ganze bezogen, allgemein) meint nicht die römische Kirche, sondern fasst den Glauben, dass die Kirche real ein Ganzes ist. Grosse, der an der STH Basel historische und systematische Theologie doziert: «Grenzen, die sonst Trennungen bewirken, fallen nicht ins Gewicht gegen dieses Ganze.»

Kirche gibt es nach dem Verständnis der Reformatoren nur, wo das Wort Gottes verkündigt und die Sakramente gespendet werden. Jede Ortsgemeinde gründet aber darin, dass Christus Menschen erwählt. Christus ist mit seinem Gebet, «dass sie alle eins seien» (Johannes 17), der eigentliche Grund für die Katholizität der Kirche. Der Wille Jesu, Einheit unter den von ihm Gesammelten zu haben – nach dem Vorbild der Einheit zwischen dem Vater und ihm –, ist gemäss Grosse «der völlig ausreichende Grund dafür, dass unter den Christen Einheit sein soll und die Kirche von ihrem Wesen her Eine und d.h.katholisch ist». Über alle örtlichen und auch zeitlichen Grenzen bilden Gläubige ein Ganzes. Auch der Tod hat «hat nicht mehr die Macht, ihre Seelen zu trennen».

Früchte der Katholizität
Katholizität, im Willen von Christus begründet, hat Vorteile. Die römisch-katholische Kirche erweise sich als stärker gegenüber Gefährdungen. Das Urteils- und Widerstandvermögen gegenüber zeitgeistigen Trends sei grösser. Ein Bewusstsein von Katholizität führe zu grösserem Austausch von Ideen und Personen. «Die gegenwärtige Kirche wird profitieren, wenn sie sich Traditionen nahebringt», bemerkte der Kirchenhistoriker. Sie könne auch Eigenmächtigkeiten einzelner Personen und kleiner Gruppen eher vermeiden oder eingrenzen.

Wie kann das Bewusstsein vertieft und Katholizität gelebt werden? Es gelte darüber nachzudenken und zu sprechen, meinte Sven Grosse, Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Bekenntnisse helfen, das Ganze des Glaubens und die ganze Kirche zu sehen. Die Reformatoren hätten zu Recht der Heiligen Schrift den Vorrang vor der Tradition gegeben – aber «wir sollen nicht jederzeit neu anfangen mit der Auslegung der Schrift» und so tun, als sei sie nicht schon Jahrtausende ausgelegt worden.

Im Gottesdienst die eine Kirche bewusst machen
Der Gottesdienst kann auf die eine Kirche verweisen: wenn die Liturgie Elemente von anderen Kirchen mit grösserer Einheit aufnimmt, durch die Predigtordnung, durch das Feiern des Kirchenjahrs, durch eine mit altbewährten Elementen gefestigte Feier des Abendmahls, durch Lieder, die mit anderen Zeiten und anderen Kirchen verbinden …

Zudem sollte Katholizität in der Kirchenleitung angestrebt werden. Sven Grosse trat dafür ein, dem Amt gegenüber der Person mehr Gewicht zu geben. Allerdings «kann und darf man einer übergeordneten Ebene nicht alles anvertrauen, nur damit es ein Grösseres Ganzes in der Kirche gibt. Diese einheitsstiftenden Amtsstrukturen können nur durch den Heiligen Geist geschaffen werden.»