Mit Käse zum Erfolg

Der Käse bringt die Bauern der Vehfreud ins Träumen. Als wäre er schon auf den Markt gebracht und mit Gewinn verkauft, planen sie die bessere Zukunft ihrer Höfe, das Wohlleben ihrer Familien. Und steigern sich gegenseitig in einen Erfolgswahn hinein. Dass der Dorfschule die Mittel versagt bleiben, derer sie dringend bedürfte, kümmert die Vehfreudiger nicht.

Mehr Kühe, mehr Milch

Als Ende seiner 20-jährigen Arbeit auf der Moosegg, vielfach anregend über das Emmental hinaus, hat der Berner Theatermann Peter Leu den grossen Dorfroman von Jeremias Gotthelf für die Waldbühne adaptiert. Der Fächer an Charakteren und Schicksalen, den der Pfarrer-Dichter aufspannte, kann in weniger als zwei Stunden nur angedeutet werden (das rässe Dürluft-Eisi und sein Peterli sind dabei). Die epische Love Story von Änneli und Felix wird in knappen Szenen erzählt.

Was den Regisseur interessiert, ist die Spirale, die Bauern wie Bäuerinnen je auf ihre Weise und miteinander gefangen nimmt, das Streben nach dem erträumten Reichtum, das Ringen um mehr Kühe, die mehr Milch geben müssen, grössere Ställe, auf Kredit errichtet ...

Das lang gereifte Ensemble von Peter Leu unterhält bestens an diesem kühlen, windstillen Abend. So träf und gewitzt die Dorfbewohner – und zuerst der scharfe Beobachter Houseli – sich äussern, kann dem Zuschauer doch das Lachen in der Kehle stecken bleiben.

Vehfreud als Sinnbild

Denn die Vehfreud ist ein Sinnbild. Das käsereiverrückte Dorf steht für jede Gemeinschaft, die sich etwas in den Kopf setzt, das Mass verliert und scheitert. Für jede Gesellschaft, die Kritik abwürgt, für Wesentliches blind wird und der Torheit verfällt. Nicht einmal der Brief der leidenden Kuh, den Houseli vorträgt, öffnet den Vehfreudigern die Augen für den gewissen Misserfolg.

Im Stück wechseln sich Männer- und Frauenszenen ab. Dass die Frauen das Projekt auf ihre Weise verhandeln, bewahrt die Vehfreud nicht vor Schaden. Denn die Hoffnung auf das grosse Geld berauscht nicht nur die Bauern, die sich an den langen Sitzungen zutrinken und um Ämtli streiten. Sie blendet auch die Bäuerinnen und verhindert – trotz kecken Einsprüchen und Klagen der Zukurzkommenden – ein sorgfältiges, nüchternes Vorgehen. Profitgier und Konkurrenz nähren zudem die Bereitschaft zum Betrug. Schütten einige Wasser in ihre Milch, scheitert der Käse aller: eine zeitlose Vehfreud-Pointe.

Heute ist uns Bildung teuer

Gelernt haben die Schweizer zwei Lektionen, die der Pfarrer von Lützelflüh im 19. Jahrhundert seinen Lesern mitgab: Qualität zahlt sich aus. Und: Bildung ist wertvoll. Sie wird heute als unsere wichtigste Ressource bezeichnet. Den Fehler, daran zu sparen, machen wir nicht mehr (ob das Geld richtig eingesetzt wird, ist allerdings umstritten).

Doch das führt zu einem anderen Problem: Hiesige Forschung hat Erfolg und wir leben mit weitreichenden Heilungs- und Erfolgsverheissungen von Medizin, Gen- und Hightech-Lobbies. Sie erzeugen einen Sog für jene, die gut und länger leben wollen und nur das Beste für ihre Kinder anstreben. Wer wollte Paaren gesunde Kinder vorenthalten? Wer darf eine bessere Zukunft verhindern? Wer will die Chancen des Erfolgsmodells Schweiz in der globalisierten Welt trüben?

Wissenschaftliche und technische Heilsprojektionen sind eine stärkere Droge als der Käserei-Hype in der Vehfreud, da zum grossen Geld auch Gesundheit in Aussicht gestellt wird. Und im Unterschied zu den Vehfreudigern, die stracks aufs Ende ihrer Illlusionen zusteuern, werden wir die Künder des Fortschritts nicht los. Denn dieser erzeugt immer mehr Komplexität, in der uns nur mehr Technik (mit neuen Illusionen verquickt) helfen kann. Auch darum amüsieren wir uns in der Vehfreud gern: Die Selbsttäuschung findet - zwar mit Schaden, aber sie findet - ein Ende.

«Vehfreud» wird bis zum 20. August dienstags bis samstags auf der Moosegg gespielt.
Infos: www.theater-moosegg.ch
Tickets: www.ticketeria.org