Zwingli, Kämpfer und Liebender

Zwingli war Vordenker und Kämpfer in höchst unsicheren Zeiten – und er war theologisch motiviert. Dies stellt Peter Opitz, Professor für Reformationsgeschichte in Zürich, heraus.

Der Film vermeide es, Zwingli «als grossen Helden darzustellen, der über allem schwebt und sich nie irrt». Dass Zwinglis Theologie und eigentliche Botschaft etwas zu kurz komme, habe man erwarten können, schreibt Opitz auf www.lkf.ch.

Der Film schildert eindrücklich, wie Zwingli an der Pest erkrankt und von einer Frau gepflegt wird. Später heiratet der Priester die Witwe Anna Reinhart. Insgesamt zeichnet laut Opitz der Film von Stefan Haupt «ein faires Bild eines aussergewöhnlichen Menschen und Christen, der allerdings ein Mensch des 16. Jahrhundert war».

«Das edle Angesicht Christi»
Huldrych Zwingli begann an Neujahr 1519 als Leutpriester am Zürcher Grossmünster zu wirken. Er wollte «das edle Angesicht Christi, das entstellt und verschmiert worden ist, wieder reinigen und säubern», wie er in einer Predigt sagte. Daher kämpfte er gegen die Heiligenverehrung. Peter Opitz: «Christus war für Zwingli der Mensch gewordene Gott, der Gottes Menschenfreundlichkeit zeigt, die Welt mit Gott versöhnt und die Menschen zum Vertrauen und in die Nachfolge ruft.»

Die Reformation in Zürich, von Zwingli mit aufseherregenden Auslegungen des Neuen Testaments angestossen, erfolgte durch Beschlüsse des Rates der Stadt 1523. Dieser schützte Zwingli vor der katholischen Hierarchie und übernahm als christliche Obrigkeit Verantwortung.

Eid-Genossen
Für Zwingli war selbstverständlich, dass Zürich «wie alle anderen eidgenössischen Stände christlich war und auch sein wollte», erklärt Opitz. «Eine Alternative gab es nicht. Schliesslich leistete man regelmässig Eide auf den christlichen, dreieinigen Gott, etwa als Versprechen, dass man sich an die geltenden Gesetze halten und den Bundesgenossen treu beistehen werde. Ohne regelmässigen Eid gab es keine Rechtssicherheit. Der gemeinsame christliche Glaube war also die Basis des Zusammenlebens schlechthin.»

Aus diesem Grund verneint der Kenner der Reformation heute, dass Zwinglis Freunde, die Täufer geworden waren, wegen ihres Glaubens verfolgt wurden. Die Quellen gäben das für seine Zeit (bis 1531) nicht her: «Weder gab es in diesen Jahren des teilweise chaotischen Umbruchs eine reformierte Kirche, noch eine einheitliche Täuferbewegung. Und das Hauptproblem war weniger die Glaubenstaufe als die Verweigerung des christlichen Bürgereids durch die Täufer, im 16. Jahrhundert Grundlage des rechtlichen und geordneten Zusammenlebens überhaupt.»

Wie sich die Täufer von Zwingli trennten
Einige Täuferführer fühlten sich der Obrigkeit Zürichs, die sie als unchristlich ansahen, nicht zum Gehorsam verpflichtet. «Deshalb war es auch kein Problem, bei der Freilassung aus dem Gefängnis einen Eid zu schwören, dass man nicht weiter täuferisch missioniert, und dies am nächsten Tag gleich wieder zu tun.» Als Theologe machte Zwingli den Täufern zum Vorwurf, dass sie beanspruchten, «wahre Gläubige von Ungläubigen als zwei Gruppen von Menschen unterscheiden zu können».

Der Filmschaffende und Theologe Lukas Zünd vermisst im neuen Portrait des Reformators eine prophetische Deutung und Infragestellung der Gegenwart. Am Ende des eindrücklichen Films habe man den Eindruck, «dass die Gegenwart sich spiegelt in der Vergangenheit, ohne dass von dorther ein neues Licht auf uns gefallen wäre … Wir sind bei uns selbst geblieben.»

Kein übernatürliches Reich Gottes
Zünd wünscht sich einen Film, der die Erneuerung von Menschen und der Gesellschaft als Frucht des gepredigten Wortes Gottes zeigt. «Ein solcher Zwingli-Film wäre wie ein Fenster, das man aufreisst in einer Kammer mit abgestandener Luft.» Zwar zeige das Werk Zwinglis soziales Gewissen. «Doch das Evangelium dieses Zwinglis geht auf in der Geschichte. Es enthält nichts Fremdes mehr, kennt keinen Ausblick auf ein übernatürliches, von ausserhalb der Geschichte kommendes Reich Gottes.»

Dieses Reich sei im Film machbar – als sozialer Fortschritt und Befreiung zum Selber-Denken. «Beim Verlassen des Kinos kann man sich auf die Schulter klopfen. Man vertritt Zwinglis Werte, auch wenn man sie nicht mehr, wie er, theologisch begründen muss.»

Das ganze Interview mit Peter Opitz und der Essay von Lukas Zünd auf www.lkf.ch            
Bilder: (C) Ascot-Elite