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Wie die Reformierten reformiert wurden

Im Vorfeld des Reformationsjubiläums lohnt es sich, das Zweite Helvetische Bekenntnis von 1566 wieder zu lesen. Es zeigt, was die Reformierten damals ausmachte – und was sie heute zur weltweiten Kirche beitragen können.

Eine Tagung des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes am 8./9. Oktober in Zürich liess erahnen, wie viel die CHP 450 Jahre nach ihrer Veröffentlichung für durchdachten reformierten Glauben und evangelisches Kirchenverständnis hergibt – wenn man sie nur hervornimmt und studiert. Das liegt jenen Schweizer Reformierten fern, die stolz sind, seit 150 Jahren ohne verpflichtendes Glaubensbekenntnis auszukommen, und die Bekenntnisschriften der Reformationszeit verstauben lassen.

Prof. Bruce Gordon würdigte Bullingers Leidenschaft für die Kirche als Leib Christi und seine Vision reformierter Katholizität. Allein er habe, als die Konfessionen sich verfestigten, das Format gehabt, den reformierten Glauben umfassend, klar und dabei unpolemisch darzulegen. Zur Erwählung schrieb er: «Also hat uns Gott … in Christus und um Christi willen erwählt, so dass diejenigen auch die Erwählten sind, die bereits durch den Glauben in Christus eingepflanzt wurden.»

In turbulenter Zeit

Heinrich Bullinger folgte Ulrich Zwingli 1531 als Leiter der Zürcher reformierten Kirche. Dreissig Jahre später fasste der Autor dutzender Bücher seinen Glauben in einer Schrift zusammen. Sie wurde, als die Pest Zürich plagte, dem Rat als sein Testament übergeben. Ein Jahr später bearbeitete Bullinger sie für den bedrängten pfälzischen Kurfürsten, der um eine gültige Darlegung des reformierten Glaubens zu Handen des katholischen Kaisers nachsuchte.

Bullingers theologisches Vermächtnis wurde bei seiner Veröffentlichung Anfang 1566 von den meisten reformierten Kirchen der Eidgenossenschaft gleich angenommen als Zweites Helvetisches Bekenntnis; es folgten die Reformierten in Schottland, Mittel- und Osteuropa. Die Confessio Helvetica Posterior (CHP) ist die längste und international verbreitetste reformierte Bekenntnisschrift – und vielleicht das am meisten unterschätzte Schweizer Zeugnis evangelischen Glaubens.

Mehr als innerlicher Glaube

Christsein ist Anteil an Christus haben durch den Geist. Wie Dr. Luca Baschera darlegte, geschieht das sowohl im Glauben des Herzens wie auch in äusserlichen kirchlichen Handlungen. In der Verkündigung von Gottes Wort ist Gott selbst zu vernehmen – «ein geistgewirktes Geschehen, das aber nicht ohne menschliches dienendes Handeln zustande kommen könnte».

Gleiches gilt für die Sakramente Taufe und Abendmahl. In den Zeichen ist Christus gegenwärtig. Irdische und himmlische Dimension fallen zusammen, indem der Heilige Geist unverfügbar wirkt. Die Sakramente bringen den Bund Gottes mit seinem Volk zum Ausdruck.

Leitplanken auf dem Weg zum Heil

Wem Gott vergibt, den soll das nicht zu einem unmoralischen Leben verleiten. Das Gesetz Gottes – von den Reformierten im Unterschied zu Luther grundsätzlich positiv bewertet – hilft auf dem Weg zur ewigen Seligkeit. Der Glaube soll im Tun deutlich werden. Wie Prof. Christiane Tietz zeigte, betont Bullinger «das Erfordernis guter Werke – aber so, dass es den reformatorischen Gnadengedanken nicht aushöhlt».

Von den 30 Kapitel der CHP behandelt fast die Hälfte die Kirche. Sie gründet in der Einheit Gottes, wie Prof. Peter Opitz ausführte. Mit den anderen Reformatoren unterschied Heinrich Bullinger sichtbare und unsichtbare Kirche. Der Bezug zu Christus «entscheidet darüber, in welchem Mass sie als sichtbare Kirche sich mit der verborgenen Kirche deckt». Auch die zerstrittene, lehrmässig gespaltene Kirche ist nicht von Gott verlassen!

Mit dem Gemeinwesen verwoben

Emidio Campi schilderte Zürich vor der Reformation – ein Städtchen mit 6000 Einwohnern und 200 Geistlichen. Nach 1523 wurde das Gemeinwesen umgekrempelt. Zwingli verstand Kirche und Staat «in gegenseitiger Zuordnung auf das göttliche Gebot bezogen». So sollten sie, schrieb er, «der göttlichen Gerechtigkeit so nahe kommen, wie es möglich ist». Armenfürsorge, Bibelübersetzung und staatliche Schulen machten Zürich zu einer der fortschrittlichsten Städte. Allerdings war in der an den Stadtstaat gebundenen Kirche nach Bullingers Tod von Freiheit des Evangeliums wenig mehr zu spüren; für eigenständig Glaubende wie Täufer war kein Platz.

Evangelisch – wahrhaft katholisch

Laut dem Ökumene-Experten Prof. Michael Beintker kann die CHP als Anleitung zum Miteinander der Kirchen gelesen werden. Sie proklamiert evangelische Katholizität. Bullinger habe die Lehre von der Kirche friedfertig und weitsichtig formuliert, «im unverkrampften Umgang mit Verschiedenheit und Differenz». Das Übereinstimmen in Trinitätslehre, Christologie und Soteriologie ist entscheidend für die Ökumene: Einheit in versöhnter Verschiedenheit. – Vor 450 Jahren formuliert, heute noch zu buchstabieren.

Ausführlicher Bericht von der Tagung