Das Bild der Kirche von morgen entdecken

Die Studientage «Re-Imagining the Church in the 21st Century», die vom 15. bis 18. Juni an der Universität Fribourg stattfanden, verbanden den selbstkritischen Blick zurück mit der Hoffnung auf neue Kraft und vitales Zeugnis, gewirkt vom Geist Gottes. Über 300 Personen verfolgten die Vorträge und Berichte und diskutieren mit den Referenten. Die Tage begannen am Mittwoch Abend mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Kathedrale.

Wie gewinnt Kirche im 21. Jahrhundert Überzeugungskraft? Den Christen Europas sind die Worte fürs Heilige weithin abhanden gekommen. Die Kirche neu vorzustellen, schliesst den Blick auf ihre schmerzhafte Geschichte ein. Heute fragten Menschen nicht nach Wahrheiten, sie erwarteten Wahrhaftigkeit, sagte Prof. Ralph Kunz (Uni Zürich). Ein glaubwürdiges Zeugnis vom guten und gnädigen Gott gebe es nur mit dem Schmerz über Machtmissbrauch und andere Vergehen im Raum der Kirche. Doch, so Kunz, «wer im Namen einer Gemeinschaft spricht, die sich versündigt hat, muss nicht verstummen – solange das, was er oder sie bezeugt, der Versöhnung dient».  

Jane Williams (St. Mellitus College, London) fokussierte auf Glauben und Hoffnung, die im Gebet erstarken. Kirche wird neu durch Gläubige, die zum Gebet angeleitet werden und unter allen Umständen dranbleiben, im demütigen Verlangen nach Gerechtigkeit, Heil und Versöhnung. Jane Williams betonte: Das neue Bild von Kirche schenkt der Heilige Geist – wenn Menschen Gott selbst ins Zentrum rücken und seinem Wesen entsprechend leben lernen, als «treue und verlässliche Gemeinschaft». Die Kirche könne ein «Zeichen und Vorgeschmack» von Gottes anbrechendem Reich sein.

«Öffentliche Minderheitenkirche»

Laut Michael Herbst (Uni Greifswald), Theologie ist die Entwicklung von einer Volkskirche hin zu einer «öffentlichen Minderheiten- und Missionskirche» unausweichlich. Ein Grund: «Wer nur selten mit Kirche zu tun hat, neigt nicht dazu, seinen Kindern eine belastbare religiöse Erziehung angedeihen zu lassen» Das zum Glauben einladende Reden von Christus ist in Europa neu und doppelt gefordert: im Blick auf die wachsende Zahl von Menschen, die das Evangelium noch nie vernommen haben, aber auch «im Blick auf Menschen, die zwar kirchentreu, aber glaubensfern zu uns gehören». Herbst sieht Neues aufbrechen. 500 Jahre nach Luther sei es hohe Zeit, seine Anregungen fürs ernsthafte Christsein in kleinen Gemeinschaften aufzunehmen.

Reflektieren, beten, hoffen

Am Mittwoch Abend hatten die Studientage mit einem vielfältigen ökumenischen Gottesdienst in der Kathedrale begonnen. Die fünf Hauptreferenten schilderten farbig, wie sie Kirche träumen: von Zuversicht, Barmherzigkeit und Kreativität erfüllt (Rt Rev Graham Tomlin, London), von der unbegrenzten Kraft des Gottes der Auferstehung durchwirkt (Jane Williams), als ein immer noch grösseres Haus, das Christus baut, um Völker an seinen Tisch zu laden (Frère Richard, Taizé).

Ralph Kunz evozierte die grandios schöne Kirche, aus allen Verhärtungen und Verzerrungen herausgeliebt. Michael Herbst malte mit wenigen Strichen den Ort im Licht des Evangeliums, wo „Gering-von-sich-Denker ihre Würde finden, Reiche teilen und Arme nicht beleidigt werden“. Ein Chor der Jahu-Gemeinschaft Biel führte mit alten und neuen Liedern die Anwesenden im Lobpreis zusammen. Zu einer Gemeinschaft von Träumenden, in der Denken sich mit Hoffnung auflädt.