• Die SEK-Abgeordneten im Berner Rathaussaal

Ja des Kirchenbunds zur «Ehe für alle»

Den Beschluss fasste die Abgeordnetenversammlung am 5. November in Bern mit 49 zu 11 Stimmen. Mehrfach wurde betont, es gelte nun der Diskriminierung Homosexueller mit dem Angebot ihrer kirchlichen Trauung ein Ende zu setzen. Es hiess, auch nach dem Ja hätten verschiedene Ehe-Verständnisse in der Kirche Platz.

Den Abgeordneten lagen vier Anträge des Rates SEK vor. Mit dem Ja zur Änderung des Zivilrechts (1) beschloss die Abgeordnetenversammlung (AV) an ihrer Herbstversammlung auch die Empfehlung an die Mitgliedkirchen, den veränderten Ehe-Begriff für die kirchliche Trauung vorauszusetzen (2). Die Gewissensfreiheit der Pfarrpersonen soll «wie für alle anderen Kasualien» gewahrt bleiben (3). Die Empfehlung zur Angleichung der Liturgien (4) strichen die Abgeordneten.

Modernistische Mehrheit
Die knapp zweieinhalbstündige Debatte verlief ohne hitzige oder polemische Äusserungen. Sie hielt nicht, was die kontroversen Stellungnahmen im Vorfeld hatten erwarten lassen; theologische Argumente aus den SEK-Papieren und anderen Dokumenten wurden kaum aufgegriffen. Ohne sie zu erörtern und abzuwägen, folgten die Abgeordneten zu vier Fünfteln dem Rat und den Wortführern der modernistischen Linie, namentlich aus der Nordwestschweiz.

Sabine Brändlin vom Rat des SEK bemerkte, die öffentliche Debatte zur «Ehe für alle» finde gegenwärtig statt – man wolle nicht zuwarten bis zu einem politischen Entscheid. Auch nach einem Beschluss der AV würden verschiedene Bibel- und Ehe-Verständnisse zur reformierten Kirche gehören. «Es gehört zum Wesen des Protestantismus, dass wir gemeinsam ums Verständnis der biblischen Texte ringen, dass wir den verschiedenen theologischen Strömungen Raum geben.» Brändlin schloss mit dem Verweis auf die «unvoreingenommene Liebe Jesu zu den Menschen».

Gegen Diskriminierung
Als Sprecher der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn befürwortete Roland Stach den Antrag 1. Die anderen Anträge seien in den Kantonalkirchen vertieft zu diskutieren; dafür ebne ein Ja den Weg.

Catherine Berger, Juristin und Kirchenrätin aus dem Aargau, stützte ihr Plädoyer für die Gleichbehandlung gleichgeschlechtlicher Beziehungen auf den AV-Beschluss vom Juni (homosexuelle Orientierung ein «Ausdruck geschöpflicher Fülle») sowie auf das Diskriminierungsverbot in § 10 der neuen Verfassung der EKS. Diskriminierung liegt nach Berger vor, «wenn ein sachlich nicht begründetes Kriterium zur Ausgrenzung von Menschen führt». Die Reformierten sollten nun ein Zeichen für Offenheit, Lernfähigkeit und Solidarität setzen.

Der Zürcher Abgeordnete Theddy Probst warnte vor einer Spaltung. Er wollte den ersten Antrag des Rats (Ja zur Änderung des zivilrechtlichen Ehe-Begriffs) durch eine traditionelle Definition der Ehe ergänzt haben: «Die Ehe … ist von Gott, dem Herrn, selber eingesetzt, der sie reichlich gesegnet hat und wollte, dass Mann und Frau gegenseitig unzertrennlich anhangen und in höchster Liebe und Einheit zusammenleben» (Heinrich Bullinger).

Mehr Zeit und Freiheit für die kantonalen Kirchen gefordert
In der Folge wünschten mehrere Votanten einen vertieften Austausch, den Aufschub der Entscheidung und Freiheit für die Kantonalkirchen oder auch einzelne Kirchgemeinden. Der Thurgauer Kirchenratspräsident Wilfried Bührer erachtete es als ungut, dass die nationale Versammlung den kantonalen Kirchen ein Vorgehen empfiehlt. Die Kirchen hätten einige Jahre Zeit. «Warum denen, die dann in der Minderheitsposition sind, bereits das Loser-Image verpassen: Ihr seid nicht auf dem Weg?»

Bührer erinnerte ans Kippen des Kirchenbunds in der Abtreibungsfrage. «Was ist das für ein Bild von Kirche, die einfach nachvollzieht, was politisch mehrheitsfähig ist?» Martin Stingelin, sein Baselbieter Amtskollege, betonte hingegen, die Kirche sei eingeladen, sich im laufenden politischen Prozess zu äussern.

Offener Brief gegen die „Ehe für alle“
Der Walliser Vertreter Daniel Rüegg brachte das Befremden bei konservativen Reformierten über die Anträge zur Sprache; es habe Ausdruck gefunden in einem Offenen Brief (über 6000 Unterschriften von Reformierten waren am Montag dem AV-Präsidenten Pierre de Salis übergeben worden) und den Unterschriften von 218 Pfarrerinnen und Pfarrern zu einer Erklärung.

Koni Bruderer, Appenzell, forderte, die Anträge 2 bis 4 zu streichen. Der Antrag 3  (Gewissensfreiheit für Pfarrerinnen und Pfarrer) wurde leicht geändert, der Antrag 4 mit der Empfehlung, Traufeiern für gleichgeschlechtliche Paare gleich zu gestalten, abgelehnt. In der Schlussabstimmung befürworteten 49 Abgeordnete die ganze Vorlage, 11 stimmten dagegen.

Ausführlicher Bericht      
Stellungnahme des Freikirchenverbands VFG zur „Ehe für alle“