Der schmale Weg der Theologen

Der Evangelisch-Theologische Pfarrverein in Bern feiert dieses Jahr sein 150-jähriges Bestehen. Im Januartreffen legte der Präsident Bernhard Rothen dar, wie Theologen als Nachfolger von Christus ihre Aufgabe segensreich erfüllen können. Er zog Martin Luthers Verständnis der Heiligen Schrift heran.

Ausgehend von der 30. These Luthers von 1517, dass keiner seiner Reue gewiss sein kann, fragte Rothen, wie die Gewissheit, dass Gott uns gnädig ist, zu erlangen ist. Luther rang mit der Ungewissheit, in der die spätmittelalterliche Busspraxis die Gläubigen liess. Der Referent spitzte zu: Wie entgeht die Reue der Berechnung? Was, wenn sie eine besonders fromme Form der Heuchelei ist?

Lehrer des Wortes – Schrift zum Prüfen

Bernhard Rothen, dessen Doktorarbeit über „Die Klarheit der Schrift“ bei Luther und bei Karl Barth handelt, betonte in seinem Vortrag am 23. Januar im Zentrum der Französischen Kirche in Bern, der Reformator habe auf der Unmittelbarkeit – nicht zu Gott, sondern zum Wort Gottes insistiert. Die Gläubigen erhielten mit der Übersetzung der Bibel die Möglichkeit, die Aussagen ihrer Lehrer zu überprüfen.

Vor diesem Hintergrund kam Rothen auf die Stellung der Pfarrer, der Schriftgelehrten, zu sprechen. Sie sind „mitverantwortlich für das, was Menschen in Zeit und Ewigkeit geschieht“, konfrontiert mit den Wehe-Rufen von Jesus über diesen Berufsstand (Matthäus 23). Immerhin ist im Evangelium zwei Mal davon die Rede, dass die Schriftgelehrten zum Guten wirken können. Rothen: „Der Weg ist schmal, auf den wir gerufen sind.“

Durch die Zeiten helles Licht

Umso kostbarer ist die Schrift, deren „Licht erhellend ins Leben dringt – heller als die Sonne“. Luther habe keine Lehre von der Heiligen Schrift entfaltet. Denn eine solche Lehre müsste ein „gedanklich gefasstes Licht über das Licht der Schrift stellen“ und ihr ein Vorverständnis vorordnen.

Die Schrift, so Rothen, „gibt nicht ewige Wahrheiten, sondern begleitet das Gottesvolk mit seinem hellen Schein durch die wechselnden Zeiten“. Mit dieser Klarheit sei es für die Gläubigen möglich, einen Schritt nach dem anderen zu tun (Psalm 119,105). Um ihr Licht müssten Theologen in ihrer Arbeit ringen.

Kulturelle Katastrophe

Bernhard Rothen erwähnte Erfahrungen im Pfarramt – die Chancen der neuen liturgischen Offenheit anfangs der 1980er Jahre, Illusionen der Erwachsenenbildung, Mühe und Freude im Unterricht (Inhalte dafür in seiner Broschüre „So hat Gott die Welt geliebt“). Er beklagte das Versagen in der Katechese; es sei „eine kulturelle Katastrophe, dass es uns nicht gelingt, die Botschaft der Bibel inhaltlich klar strukturiert weiterzugeben“. Nach der neusten Studie wüssten die Konfirmanden nirgendwo in Europa weniger vom Glauben als hierzulande.

Dies ist umso bedenklicher, als durch den gesellschaftlichen Wandel „Lebensordnungen, über Jahrhunderte selbstverständlich, heute als verfinsterte Vorurteile erscheinen“. Die westlichen Menschen meinten z. B. zu wissen, was eine Ehe ist. Insbesondere, so Rothen, fehlt eine theologische Antwort auf das moderne Denken, das die jüdisch-christliche Heilsgeschichte umgeformt hat zu einer innerweltlichen Fortschrittsgeschichte (Karl Löwith).

Binden und lösen

Verbindlichkeit für die Glaubensgemeinschaft erwächst nach den Worten des Neuen Testaments („binden und lösen“) in zwei Polen: Jesu Wort an Petrus (nach seinem Bekenntnis, Jesus sei der Christus, Matthäus 16) und der Auftrag an jedes Gemeindeglied (die Mitverantwortung für das ethische Verhalten, Matthäus 18). Rothen meint, dass sich das moderne individualistische und das kollektivistische Denken in diesem Rahmen theologisch präzise beurteilen lassen.

Website des Evangelisch-theologischen Pfarrvereins mit Programm zum 150-Jahr-Jubiläum