• Zürichs Altstadt an einem Wintersonntag.
  • Weltweite Ausstrahlung: Le mur des réformateurs in Genf.
  • Durchbruch zur Freiheit: Amischer Bauer in Pennsylvania/USA.

Reformation: Licht und Schatten

So viel Gutes die Reformation Westeuropa brachte, so bedrohlich ist der Schaden, den der moderne Protestantismus mit der Bibelkritik angerichtet hat. Armin Sierszyn zieht in einem Essay eine krasse Bilanz der 500 Jahre, an deren Anfang Luther steht.

Was ist aus dem Salz der Erde geworden, als das Jesus seine Jünger ansprach? Der Zürcher Oberländer Systematiker und Kirchenhistoriker, Autor einer vierbändigen Kirchengeschichte, konstatiert einen globalen Umbruch. „Die alten Rezepte der intellektuellen Eliten sind verbraucht. Auch die europäische Kirche, soweit sie dem Mainstream nachläuft, wird verachtet und zertreten – nicht zuletzt von den Füssen derer, die sie in Scharen verlassen. Die protestantische Kirche, einst berufen, Salz und Licht zu sein, weiss oft selbst nicht mehr, wer sie ist und was sie soll. Sie wirkt müde und sorgt sich vor allem ums eigene Überleben.“

Wie konnte es dazu kommen? Im Folgenden ist der Gedankengang Sierszyns in Zitaten zusammengefasst. (Der ganze Essay als PDF)

Der Funke springt von Wittenberg …
Das Gehabe der Renaissance-Päpste erregt nach 1500 zunehmend Unmut. Der Ablasshandel bringt das Fass zum Überlaufen. „In der Bibel belesen und an Augustin geschult, bricht Martin Luther durch zu einer damals neuen und revolutionären Entdeckung: Kein Mensch kann vor Gott bestehen, geschweige denn sich freikaufen. Alle sind wir verloren. Alle. Im Römerbrief von Paulus entdeckt Luther die reformatorische Botschaft, die ihn zu den Pforten des Paradieses führt:“ Gott rechtfertigt den Menschen durch den Tod von Jesus Christus am Kreuz – ganz aus Gnade.

Der 31. Oktober 1517, an dem Luther seine Thesen in Wittenberg angeschlagen haben soll, markiert das Ende des Mittelalters. „Zur Reformation gehört zuerst und zuletzt die Bibel … Der Reformator dolmetscht seinen lieben Deutschen Gottes Wort geradezu ins Herz hinein. So wird die Lutherbibel zur Grundlage für die neuhochdeutsche Sprache.“ Die Reformation wird auch zur Mutter der Volksschule.

… über nach Zürich
Der kühne Protest Luthers wird durch seine Schriften weitherum wahrgenommen. Im Grossmünster in Zürich beginnt Ulrich Zwingli an Neujahr 1519 das Matthäusevangelium fortlaufend auszulegen. „Auch in der Zürcher Reformation spielt die Bibel die grundlegende und entscheidende Rolle ... In seinen Schlussreden (1523) schreibt der Reformator: ‚Die Heilige Schrift muss mein und aller Menschen Richter sein; es darf aber nicht der Mensch Richter über das Wort Gottes sein‘.“ Das neue Verständnis der Bibel festigen die Zürcher an mehrtägigen Disputationen, die in der alemannischen Volkssprache gehalten werden.

Freunde von Zwingli fordern eine unverzügliche Umsetzung des als richtig Erkannten und fordern die Glaubenstaufe. Nach 1523 trennt er sich von ihnen. „Mit Augustin unterscheidet er die sichtbare und die unsichtbare Kirche. Nicht alle Glieder der sichtbaren Kirche sind wahrhaft gläubig, und auch unter den scheinbar Frommen gibt es Heuchler. Darum ist die wahre Kirche Jesu Christi unsichtbar. Nur Gott kennt die Seinen.

Demgemäss kann Zwingli kurz und bündig formulieren: ‚Welches ist Christi Kilch? Die sin Wort hört. Wo ist die Kilch? Durch das ganze Erdrich hin. Wer ist sie? Alle Gleubigen. Wer kennt sie? Gott.‘ Auch die 1. Berner These von 1528, von Zwingli beeinflusst, formuliert klassisch reformatorisch: ‚Die heilig christenlich kilch, deren einig houpt Christus ist, ist us dem wort gots geboren‘. Am Hohen Donnerstag, am Karfreitag und am Ostertag 1525 wird im Zürcher Grossmünster das erste evangelische Abendmahl gefeiert.“ Reformation bedeutet für Zwingli zugleich Neuordnung der Gesellschaft im Gehorsam gegenüber Gottes Wort.

Genf: Kirche mit flacher Hierarchie
Der Humanist und Jurist Jean Calvin, der nach 1541 in Genf wirkt, ist laut Sierszyn „der körperlich schwächste, in seiner Wirkung aber der stärkste aller Reformatoren“. Sein scharfsinniges Denken motiviert Generationen. Opferbereite Christen werden an der Genfer Académie gebildet. "So entsteht ein entschlossener, kämpferischer und am Bibelwort profilierter Protestantismus in Frankreich, Holland, England, Ungarn, aber auch in der Schweiz. Genf wird das protestantische Rom genannt. Als die Kräfte des Luthertums erschlaffen und die katholische Kirche zum Gegenschlag ausholt, ist es der calvinistische Protestantismus, den Gott gebraucht, um die Reformation zu retten.“

Für die damalige Zeit einmalig, kennt die Kirche Calvins weder Bischöfe noch Prälaten. Sie wird gemeinsam geleitet durch vier Ämter, die er dem Neuen Testament entnimmt: Presbyter, Pastoren, Lehrer und Diakone (Eph. 4,11). Dadurch entsteht eine neue Kirche mit flacher Hierarchie. Der Anmassung von Macht wird eine Grenze gesetzt: „Niemand ergreife ein Amt, er sei denn von der Gemeinde dazu erwählt“ – ein früher Same für die spätere europäische Demokratie. „Durch die starke Ausbreitung der presbyterianischen Kirche wird Calvin geschichtlich zum Schöpfer der westlichen Gewaltentrennung.“

Grundlegung der Moderne
Schon Zwingli hat Busse und lauteres Leben als Zeichen der Erwählung gesehen. „Später glauben die Calvinisten, ehrlich erworbener Reichtum sei für Gläubige ein Zeichen der persönlichen Gnade und Erwählung. Die Gewissheit der Erwählung aber ist die stärkste Motivation, die ein Mensch bekommen kann … In der Tat sind Leistung, Bildung und Wissen (Lesen!) im calvinistischen Protestantismus überaus positiv besetzt. So entsteht in protestantischen Gebieten schon früh ein geistiges Humankapital, das seinesgleichen sucht.“

Heutige Historiker wie Niall Ferguson erkennen die weltgeschichtliche Bedeutung der Reformation. Sierszyn: „Die Stärke des (calvinistischen) Protestantismus als Nährboden der Kultur hat den schnellen Aufstieg des kleinen Europa zum Vorort der Welt grundlegend mitermöglicht. Als England und der Kontinent im 20. Jahrhundert ihren Zenit hinter sich lassen, erreichen die protestantischen USA (u. a. dank immer neuer Erweckungen bis in die 1950er Jahre) ihre volle geistige Kraft. Erst ab den 1960er Jahren beginnt mit den Stössen säkularer Kultur- und Gegenrevolution hüben und drüben der kirchliche Abstieg, was die Statistiken deutlich zeigen. Diesem Abstieg folgt der kulturelle und politische Niedergang auf dem Fuss.“

Mängel und Einseitigkeiten der Reformation
Armin Sierszyn skizziert in seinem Essay drei Defizite des Protestantismus:

  • „eine nachhaltige und bis heute nicht geheilte Spaltung, ja, eine Zerklüftung“ in der abendländischen Christenheit.
  • „Religionskriege, von denen der Dreissigjährige Krieg mit Pestseuchen und sozialem Elend der schrecklichste ist – … die tiefste Quelle für die Entstehung des abendländischen Skeptizismus und Atheismus.“
  • „Aus dem individualisierten Glauben bei Luther entwickelt sich ein schrankenloser säkularer Individualismus, sprich Egoismus. Statt dem Evangelium Vertrauen zu schenken, erwächst als neuprotestantisches Gewächs eine am naturwissenschaftlichen Methoden-Ideal orientierte Bibelkritik. Der europäische (protestantische) Mensch erhebt sich über alles und lebt mehr oder weniger, als ob es Gott nicht gäbe. Mit dem Verlust des Gotteswortes sterben die europäischen Kirchen. Der Neuprotestantismus verliert seine Salzkraft für die Gesellschaft, weil er nur noch nachzusprechen vermag, was trendige Medien ohnehin schon vermelden.“

Dadurch wird das 500-Jahr-Jubiläum für den Zürcher Pfarrer „zur verordneten Feier einer verhaltenen Verlegenheit … Vor allem seit den 1960er Jahren – in Deutschland schon früher – beginnt die innere Kraft des Westens (zunächst kaum spürbar) zu sinken. Der Protestantismus ist daran, seine eigenen Erfolge zu zerstören. Sterben heute in Europa die Kirchen, so wird morgen der ganze Kontinent in den Untergang hineingezogen. Denn Europa ist durch das Wort der Bibel geworden, es könnte den Verlust dieser Botschaft auf die Dauer nicht überleben.“

Gesegnetes Europa – gefährdeter Kontinent
Armin Sierszyn hält das Licht gegen den Schatten: „Durch die Reformation hat Gott besonders die Völker des europäischen Nordens und des Westens, allen voran Deutschland und die Schweiz, gerufen und gesegnet … Wenn wir als evangelische Kirchen, welcher Couleur auch immer, feierlich der Reformation gedenken, so tun wir dies mit grossem Dank und mit Freude. Denn die Reformation hat uns Menschen das helle Licht des Wortes Gottes, die Freude der Heilsgewissheit und den letzten Trost wieder frei zugänglich gemacht. Auch die im Westen erkämpfte Demokratie, die Wissenschaften und die Industrialisierung (Wohlstand) sind ohne die Grundlage vor allem der calvinistischen Reformation undenkbar.

Wir feiern das 500-Jahr-Jubiläum aber auch im Zeichen der Busse über Glaubensstreit und todbringende Rechthaberei auf beiden Seiten der Konfessionsgrenzen ... Schliesslich hat der Übermut des Neuprotestantismus nicht nur unseren Kontinent und die ganze Welt mit bis an den Abgrund geführt; er hat durch seine vermeintlich wissenschaftliche Kritik an der Bibel die Kirche ihres Lichtes beraubt, das sie braucht, um zu überleben und für die Welt ein Segen zu sein. Die Bibelkritik ist es auch, die den westlichen Kirchen allzu oft die Möglichkeit entzieht, in ethischen Grundfragen gemeinsam mit einer christlichen Stimme zu sprechen, um den Kulturen in den europäischen Gesellschaften die Suppe zu salzen.

500 Jahre Reformation sind ein Anstoss, im Raum der Kirche und darüber hinaus die ausgetretenen Wege des Zeitgeistes und des Niedergangs zu verlassen. Jesus Christus sagt seiner Kirche zu: „Ihr seid das Licht der Welt, lasst euer Licht leuchten!“ Können wir noch aufwachen? Können wir noch ohne falsche Scham zum Evangelium stehen und seine starke Botschaft einem müde gewordenen Kontinent gegenüber neu und froh bezeugen?“

Der Essay „500 Jahre Reformation – Licht und Schatten“ ist als Theologische Beilage zur STH-Perspektive Februar 2017 erschienen.