• Geschändete Kirche

Minderheiten im Nahen Osten bedroht

In weiten Teilen Syriens gibt es keine schiitischen Muslime, Christen, Alawiten und Drusen mehr. Dschihadisten bedrohen den religiösen Pluralismus im ganzen Nahen Osten. Dies sagte der Syrien-Experte Fabrice Balanche in einem Vortrag in Zürich.

Religiöse Minderheiten sind nach Balanche «die ersten Opfer» im syrischen Bürgerkrieg. «In den Gebieten, die vom Islamischen Staat oder Jabhat al-Nusra kontrolliert werden, leben keine Christen und Schiiten mehr.» Eine kleine drusische Minderheit existiere noch; sie habe zum sunnitischen Islam konvertieren müssen. Laut Balanche haben 40% der syrischen Christen das Land verlassen, während sich Alawiten und Drusen in jene Gebiete zurückziehen, in denen sie die Mehrheit stellen – die Alawiten im Westen, die Drusen im Süden Syriens. «Religiöse Minderheiten sind nun in Regierungsgebieten konzentriert, wo auch viele sunnitische Flüchtlinge Zuflucht gefunden haben.»

Fabrice Balanche, Professor in Lyon und Autor eines Atlas des arabischen Nahen Ostens, weilte Mitte März auf Einladung von Christian Solidarity International in der Schweiz. Er sieht schwarz für religiöse Minderheiten im Nahen Osten. Ein Grund: Der religiöse Pluralismus wurde in autoritären Staaten aufrechterhalten, die Minderheiten schützten – Staaten, deren Führer selber religiösen Minderheiten angehörten. Die religiösen Minderheiten hätten in der Vergangenheit befürchtet, ausgeschlossen oder vernichtet zu werden, wenn ihr Schicksal in den Händen einer religiös polarisierten sunnitischen Mehrheit läge.

Intolerante Mehrheit

Zwar hätten sozioökonomische Faktoren zum Gewaltausbruch in Syrien und im Irak beigetragen, doch spiele der Konfessionalismus eine weit wichtigere Rolle. Für die Führungselite der sunnitischen Dschihadisten und weiterer Rebellengruppen stehe der Wunsch, die verlorene sunnitische Vorherrschaft wiederherzustellen, weit über sozioökonomischen Motiven.

Bereits in der Anfangsphase des Arabischen Frühlings 2011 sei die konfessionelle Prägung des Konflikts deutlich sichtbar gewesen, sagte Fabrice Balanche, der zehn Jahre in Syrien und im Libanon gelebt hat. Anti-Assad-Demonstrationen fanden vorwiegend in sunnitisch-muslimischen Gebieten statt, die Parolen richteten sich gleichzeitig auch gegen die Minderheiten. So erstaune es nicht, dass die syrischen Alawiten, Christen und anderen religiösen Minderheiten sich eher auf die Seite von Präsident Assad und der syrischen Regierung stellten als auf jene der sunnitisch-islamistisch dominierten Rebellen.

Stellvertreterkrieg

Eine Lösung des Kriegs ist für den Experten in weite Ferne gerückt, da die konfessionellen Spaltungen «von regionalen Mächten befeuert wurden, die ihren Einfluss in der Region ausbauen wollen». Er beschrieb den Konflikt als Stellvertreterkrieg zwischen einer sunnitischen Achse – angeführt von der Türkei und Saudi-Arabien – und einer schiitischen «iranischen» Achse und verglich ihn mit dem Dreissigjährigen Krieg in Europa vor 400 Jahren. Balanche kritisierte die amerikanische und französische «Besessenheit nach einem Regierungswechsel in Syrien» und ihre stillschweigende Bereitschaft, das Verschwinden der religiösen Minderheiten im Interesse ihrer politischen Ziele zu dulden.

Bild oben: Die griechisch-katholische Kirche der Heiligen Maria in Yabrud, Syrien, 2014 durch die islamische Jabhat al-Nusra und die Islamische Front geschändet. © CSI

Quelle: CSI