Lieder zur Ehre Gottes

In Lobpreis und Anbetung erheben wir Gott und bitten ihn, dass er uns seinen Reichtum aufschliesst. Drei Lobpreisleiter erörtern miteinander, wie Anbetung tiefer wird und wie alte und neuere Lieder verwoben werden können.
Was eigentlich ist Gottesdienst? Worum geht es? Für das wort+wärch-Dossier haben wir auch mit dem geschichtskundigen reformierten Theologen Luca Baschera gesprochen.
Das Interview hier.

wort+wärch: Was beschäftigt euch in der Lobpreis-Arbeit?

Rahel Tiefenbach: Wir ringen darum, dass mehr von der Herrlichkeit Gottes in unserer Anbetung spürbar wird, so dass alle davon berührt werden. Wir versuchen herauszufinden, wie der Heilige Geist im Lobpreis immer mehr die Leitung übernehmen kann. Es geht uns nicht so sehr ums Singen als um die tiefe Begegnung mit Gott. Wir möchten im Lobpreis Zeichen und Wunder erleben. Ein wenig davon haben wir gesehen; viel mehr, glauben wir, ist noch im Schatz „Worship“ verborgen.

Markus Dolder: In meiner Kirchgemeinde im Wangental sind ein Kirchenchor und drei Bands aktiv. Ich suche für die Musiker Nachfolger und führe sie ein. Am jährlichen Abend der Anbetung am kommenden Freitag kommen alle zusammen. Überdies führe ich viermal im Jahr eine ThomasFyr durch, in der wir Brücken schlagen zwischen Frömmigkeits- und Musikstilen.

Michael Zahnd: Das EGW Langenthal erlebt einen Wandel. Wir üben, erwartungsvoll zusammenzukommen und Teil-Nehmende des Gottesdienstes zu werden – statt Worship zu erleben und zu konsumieren.

RT: Im Lobpreis sind wir offen für Eindrücke und prophetische Worte von Teilnehmenden. So kann es sein, dass jemand nach vorn kommt und den Leitenden ihren Eindruck mitteilt. Wenn es passt, sagt sie es allen und wir beten es aus. Es liegt eine mega Kraft darin, wenn wir es miteinander teilen.

Wie haltet ihr es mit dem älteren Liederschatz und den neueren Worship-Liedern?

MD: Für mich gibt es einfach gute und weniger gute Lieder. Die wirklich guten neuen Lieder werden traditionelle Lieder werden. Entscheidend scheint mir die Ganzheit von Text und Melodie, die uns anspricht. Letztlich ist es ein Geheimnis, warum ein Lied viel gesungen wird und bleibt.

MZ: Es ist Gottes Gnade, wenn ein Song Herzen berührt. Ältere Songs haben oft einen Tiefgang und Reichtum, der in der Bibel wurzelt, auch solide Theologie.

RT: Sie haben mehr Inhalt, viel Text in mehreren Strophen. Die heutigen Lieder gehen manchmal inhaltlich weniger tief; ihre eingängigen Melodien laden jedoch zum wiederholten Singen ein. Einige Lieder haben eine unerklärliche Salbung: Die Gemeinde singt einmütig mit, was ich sehr berührend erlebe.

Ergibt sich die Intensität der Anbetung auch aus dem stimmigen Nacheinander mehrerer Lieder?

MD: Mit drei Liedern ist es wohl kaum möglich, anbetend in die Tiefe zu gehen. Doch man kann fünf bis sechs Lieder aneinander reihen, ohne dass etwas geschieht. Ich nehme eine Entwicklung von Text-Liedern hin zu meditativen Liedern (Taizé) wahr. Die modernen Worship-Songs haben weniger Worte und wiederholen mehr.

RT: Für etwa dreissig Minuten Lobpreis stelle ich vier bis fünf Lieder zusammen. Manchmal aber genügen uns zwei Lieder, die besonders tief gehen. Oder jemand von der Band bekommt neue Worte und wir nehmen sie auf.

Dank – Lobpreis – Anbetung: wie sollen sie unterschieden werden?

MZ: Die drei beschreiben einen Weg. Vom Dank für eine Erfahrung zum Erheben von Gottes Grösse zu den Momenten, wo er zu mir kommt und mir sagt, wer ich bin: das ist ein Weg, auf dem Begegnung mit Gott geschieht.

MD: Dank und Lobpreis sind der aktivere Teil; Anbetung geschieht im Staunen, bleibt ein Geschenk, ein Geheimnis. Machen können wir es nicht.

RT: Mein Ziel bei der Anbetung ist jedes Mal, mit der Band und der ganzen Gemeinde in den Thronsaal Gottes zu gehen, um tiefe Begegnung zu erleben. Ich denke an zwei Gottesdienste zurück, für die ich mich gut vorbereitet hatte. Einmal kam die Salbung des Heiligen Geistes, das andere Mal nicht. Wir können es nicht beeinflussen.

MZ: Wenn ich Gott lobe und ihm danke, zieht das mich automatisch weg von mir, hin zu ihm. Meine Perspektive wandelt sich. Wir wollen die Menschen hinleiten zu diesem Wechsel.

Dominiert in den neuen Liedtexten „mein Erleben der Anbetung“ nicht selten die Aussagen von der Grösse und Herrlichkeit Gottes?  

MZ: Wir haben zu wenige Lob-Songs, die ganz auf Gott ausgerichtet sind und ihn verherrlichen. Es kostet mich etwas, dies zu tun seine Eigenschaften zu besingen. Es macht Sinn, die Songs zuzuordnen. Ich unterscheide, wenn ich Lieder zusammenstelle, zwischen Dank, Lob und Anbetung.

Der Reichtum der Titel, die Jesus in der Bibel hat, kommt wenig zum Tragen. Gott wird wie im Alten Testament als der König, der Herr proklamiert. Sollte Lobpreis mehr auf Jesus fokussieren?

MD: Es braucht gewiss neue, pointiertere Lieder. In unserer Sprache gibt es viel weniger Lieder als im Englischen.

RT: Eine Gruppe bei uns trifft sich einmal im Monat, um an neuen Songs zu arbeiten. Wir wollen von uns und unseren Erlebnissen wegsehen, die Herrlichkeit Gottes und den Sieg von Jesus am Kreuz proklamieren. Wenn wir die Schätze der Bibel nehmen und im Zusammenhang – nicht Wort für Wort – zu vertonen suchen, zeigt sich ein Mega-Schatz. Und es können noch viele tiefe Lieder entstehen.

MD: Die Party-Kultur beeinflusst auch den Lobpreis. Wir feiern auch – aber anders. Lobpreisleiter sind versucht, Stimmung zu machen. Leute aufheizen kann man auch ohne Gott.

MZ: „Es isch Jesus wo mir fiire“ ist für mich ein Super-Song. Kirche sollte die grösste Party der Welt sein, weil wir den allerbesten Grund zum Feiern haben. Solange Jesus im Zentrum unseres Singens und Musizierens ist, machen wir nichts falsch.

Andrerseits ist das Leben nicht nur Party. Kann Lobpreis noch tiefer und lebensnäher werden, wenn er Schmerzhaftes aufnimmt?

MD: Die Bibel hat die ganze Breite, mit Geschichten von Leiden und Scheitern. Würden wir dies einbeziehen, neben den Geschichten von Wundern und Heilung, würde das uns näher zum Leben bringen. Vermutlich empfinden manche Gäste, die von aussen kommen, unseren Lobpreis als abgehoben.

RT: Nicht Party machen oder Stimmung, aber Atmosphäre schaffen möchte ich. Dass jeder so, wie er ist, vor Gott kommen darf. Wir machen Erlebnisse, haben Gefühle und dürfen mit ihnen zu Gott kommen. Res Steiner, unser Pastor, war krank. Wir kamen oft vor Gott und baten ihn um Hilfe – und beteten ihn an, rühmten seine Macht. Res starb. Gott hat uns in die Tiefe geführt. Ihn zu loben und anzubeten, egal wie die Umstände sind, führt uns weiter.

MZ: Wenn wir es schaffen, Songs zu bringen, die genau den Schmerz ausdrücken – und doch nicht dabei bleiben, sondern den Glauben stärken.

MD: Die Songs haben natürlich eine gewisse Schwere. Es braucht Klage und Lob. Psalmen schlagen den Bogen.

MZ: Ist der Lobpreis im Gottesdienst der richtige Ort dafür?

Im reformierten Gottesdienst folgt auf Anbetung und Verkündigung die Fürbitte (sog. Zürcher Liturgie, Gesangbuch 150). Sollte sie – nach dem Lobpreis – stärker gewichtet werden?

RT: Wie kommen wir zu dem Punkt, wo wir nicht mehr trennen, sondern alles möglich ist, wo wir im Lob spüren, dass wir für ein Land beten sollten oder Gottes Grösse über einer Not zu proklamieren? Wir würden nicht mehr unterteilen, sondern Eines gestalten. Einmal im Monat feiern wie „Open Heaven“. Wir feiern Gott mit Musik und sind dann offen für Worte. Leute sagen etwas und wir stehen zusammen und beten dafür. Von daher hoffe ich, dass wir die Teile zunehmend verbinden können, mit dem Heiligen Geist im Zentrum.

MD: An diesem Punkt überzeugt mich die ThomasFyr; die lutherische Liturgie liegt ihr zugrunde. Es wird sehr viel gesungen: Kyrie, Gloria, Sanctus, Bekenntnis, Bitte um den Heiligen Geist, Fürbitte. Zwischendrin die Predigt.

Die Kirchenlieder bringen zum Ausdruck, was unsere geistlichen Mütter und Väter glaubten. Wie kann der Schatz bewahrt werden?

RT: Eine Zeitlang hatte jede Band ein Kirchenlied zu spielen. Nicht selten wurde es angehängt. Nun ist ein Gottesdienst am zweiten Sonntag im Monat auf die älteren Leute ausgerichtet, was wir als sehr bereichernd erleben.

Mit „Welch ein Freund ist unser Jesus“ geht jenen, die vor 40 Jahren in die Gemeinde kamen, das Herz auf.

RT: Wir spielten das Lied rockig – es kam nicht an.

MD: Es gibt gelungene Mischungen. Aus Redding kommt eine Pop-Version von „Mir ist wohl in dem Herrn“. In der ThomasFyr kommen drei (frisch arrangierte, von der Band gespielte) Kirchenlieder auf fünf neuere. Martin Jufer hat Kirchenlieder gelungen verjazzt – wir erleben’s am EGW-Jahresfest.

Wenn ständig neue Lieder eingeführt werden, vor allem englische, wohin kommen wir? Braucht eine neue Predigtreihe extra neue Lieder?

MZ: Es muss uns um Kontinuität und Frische gehen: dass die Gemeinde gemeinsam einen Schatz aufbaut und pflegt. Damit die Leute nicht ständig die Leinwand im Blick haben müssen. Aber es ist doch grandios, wenn für das aktuelle Thema neue Lieder geschrieben werden.

MD: Wie gesagt: Gute Lieder werden sich durchsetzen. Aber ich stimme zu: Wir brauchen mehr Lieder in unserer Sprache, in der Herzenssprache.

RT: Wir achten darauf, wenig englische Lieder zu spielen. Auf der Leinwand sind sie übersetzt.

Manche werden passiv, hören nur noch zu, wenn englisch gesungen wird.

MD: Wichtig ist, dass jede und jeder tut, wozu sie und er begabt ist. Nicht jedes Charisma ist für die Bühne.

MZ: Das sorgsame Einführen durch den Leiter, so dass alle ins Lied hineinfinden, und das Verlangen der Teilnehmenden mitzusingen, gehören zusammen.

 

Markus Dolder, 59, Sozialdiakon in Oberwangen (Kirchgemeinde Köniz), war der erste Musikbeauftragte des EGW. Er hat Lieder geschrieben und CDs produziert und gibt Konzerte.

Rahel Tiefenbach, 33, wurde in eine Teenie-Band eingeladen und kam so ins EGW. 2008 weilte sie an der Hillsong-Lobpreis-Schule in Sidney. Die gelernte Kleinkinderzieherin erwartet ihr zweites Kind. Sie leitet Lobpreis im EGW Waltrigen.

Michael Zahnd, 32, im EGW aufgewachsen, Lehrer an der Berufsschule Langenthal. 2015 besuchte er das Equippers College in Neuseeland. Er leitet Lobpreis im EGW Langenthal und koordiniert Seminare der Worship Academy.