Jahresfest 2016: Frei und fit zum Dienen

Ablegen, was weh tut, und mutig vorwärts gehen: Das Jahresfest des EGW in Bern umfasste die Freude und den Ernst des Christseins, verband Jubel und Schmerz. Die Teilnehmenden genossen die sonnige Zeit der Begegnung.

In der Mehrzweckhalle des Berner Waffenplatzes machte Johannes Wirth Mut, Scherben bei Jesus abzugeben, um die Hände frei zu bekommen zum Dienen. Was dies bedeutet, erklärte Wirth, leitender Pastor der GvC Chile Hegi in Winterthur, mit einer Schilderung seiner Kindheit. Auf dem linkischen Knaben lasteten schwere Minderwertigkeitsgefühle. «Ich machte Karriere als Versager.» Wirth versuchte sich in diversen Berufen und heiratete früh. Mehrmals geriet er in den finsteren Tunnel der Depression.

«Angenommen – brutto»

In einer Ehekrise wandte er sich zu Jesus hin. Damit begann ein langer Heilungsprozess: «dass ich beginnen konnte, vertrauensvoll zu leben». Wirth entdeckte die Güte des Himmlischen Vaters (unübertrefflich gemalt von Rembrandt). «Ich fühlte mich wie der Sohn und wusste: Ich bin brutto angenommen mit meinem linkischen Wesen, mit meiner Ehe, mit Depressionen.» Mehr und mehr verstand er, was es heisst, angenommen zu sein – gänzlich. «Das Hineinwachsen hat den Schutt, der über meinen Begabungen lag, Schritt für Schritt weggeräumt.»

Mit 22 wusste Wirth auch, dass er Teil des Himmelreichs war, «ein Botschafter, beauftragt vom König der Könige». Wenn Depressionen ihn übermannten, blieb ihm dies gewiss: Sein Leben hatte eine Berufung. So lernte er wieder aufzustehen, wenn er stolperte. «Ich kann vertrauensvoll leben auch in allergrössten Herausforderungen, weil ich weiss, wer Gott ist und wer ich bin.»

Gesucht: Deborahs, die pieksen

Das biblische Buch der Richter erzählt vom fremden König Jabin, der die Israeliten quälte. Da forderte die Prophetin Deborah Barak auf, im Vertrauen auf Israels Gott Mut zu fassen und die Männer zum Kampf gegen den Unterdrücker zu sammeln. Heute, so Wirth, sind viele am Boden, verletzt, erschöpft, ausgebrannt. Der Name Deborah bedeutet: Biene. Es braucht Deborahs, rief Wirth, die andere pieksen und sie auf den Auftrag stossen, den Gott für sie hat.

Barak folgte dem Ruf und die Israeliten triumphierten. Deborahs Siegeslied im Richterbuch erwähnt Stämme, die sich endlos berieten, statt dem Appell zu folgen (Wirth: wie Gemeinden heute, die ohne Ende Konzepte beraten). Jene aber, die ihre Angst überwanden und ins Feld zogen, erlebten Gott.

Scherben ablegen

Als zweites Motto zitierte der GvC-Pastor aus Winterthur Johannes 15,16: Jesus erwählt Menschen mit dem Ziel, dass sie Frucht bringen. Er wolle «unverschämt viel Frucht» bringen, sagte Wirth. Menschen dienen können wir, wenn wir die Hände frei haben. Dafür gilt es, Scherben aus dem Leben zu entsorgen. «Was mich zurückhielt, waren Scherben der Kindheit, der Ehe, der Minderwertigkeit.» Er hatte die Wahl, sie in den Händen festzuhalten. «Gott half mir, die Scherben zu entsorgen, loszulassen.»

Zerbrochene Träume, Krankheiten, die nicht geheilt wurden, Enttäuschungen über Menschen in Verwandtschaft und Familie, Misserfolge, Frustrationen und Streit in der Gemeinde: «Wenn du Scherben festhältst, wirst du nie frei sein.» Mit dem Hammer zerschlug Wirth auf der Bühne Schüsseln. Dann lud er die Teilnehmenden ein, mit einer Scherbe über ein kreuzförmiges Podest zu schreiten und sie abzulegen. Viele taten es. Manche liessen für sich beten. Zum Abschluss bat Wirth um Gottes Segen. «Wir wollen die Hände frei haben, um mutig vorwärtszugehen.»

Köstlichkeiten über Mittag

Die Versammlung wurde schwungvoll umrahmt von der Lobpreis-Band von Martin Jufer und der Brassband «The Tubes» unter Martin Heiniger. Thomas Gerber moderierte den Vormittag; Roli Streit vom LäbesKunst-Team parodierte in einem Sketch die Neigung, alles zu versichern. In der langen Mittagspause gab’s Salate, Schnitzel und Würste, Frühlingsrollen und allerlei Süsses an Ständen von EGW-Bezirke. Viele suchten eine Bank im Schatten (oder stellten sie dahin), schleckten ein Eis. Und jeder traf Freunde und alte Bekannte.

Alice Rüegsegger leitete den Nachmittag ein. Johannes Wirth kam mit Matthias Gremlich, dem GVC-Pastor für Evangelisation, auf die Bühne. «Liebe in Aktion» bedeutet in der Winterthurer Kirche, zu den Menschen zu gehen, um ihnen – und so der Stadt – zu dienen. Dies braucht Zähigkeit, kostet Zeit, Kraft und Privatsphäre. Und das Leiden von Menschen am Rand schmerzt.

Geburtstagsfeste für Albanerkinder

Die beiden erzählten, wie die Chile Hegi im Albanerquartier mit Kindergeburtstagen begann. Während sieben Jahren standen junge Christen jeden zweiten Samstag in der Fussgängerzone. Mit einer Kantine für Lehrlinge gewann die GVC die Achtung des Berufschulleiters. Aus kleinen Anfängen entstand die Quellenhofstiftung, die heute über 140 Menschen betreut.

Frauen besuchen Bordelle und zeigen Prostituierten mit einem kleinen Geschenk, dass sie von Gott geliebt sind. «Man muss hinschauen! Es braucht ein offenes Herz, etwas Mut und ein bisschen Zeit. Getraust du dich, jemand anzusprechen: 'Sie sehen so aus, als hätten Sie Gebet nötig …'?» Warum nicht die Gemeindeverwaltung anrufen und fragen, wie man helfen kann? Gremlich machte deutlich, dass dies manchmal unangenehm, riskant und Knochenarbeit ist. Doch so werden Christen gefragt, was sie motiviert. Manche bitten sie direkt um Gebet.

Wofür Christen bekannt sein sollen

Wirth kennt keine wachsende Gemeinde, die nicht den Menschen der Umgebung dient. Für Matthias Gremlich kommt es darauf an, «dass wir für das bekannt sind, was wir tun» – nicht für Kritik und frommes Abseitsstehen. Er wolle nicht über die Partyszene lästern – sondern sie vom Evangelium her durchsäuern. «Gib nie auf!» schloss Wirth. Es gelte, auf ein, zwei Dinge zu fokussieren und dranzubleiben.