Grosse Bühne für Ritter Kurt

Leibhaftig, in vollem Harnisch, marschiert der Ritter in die Stube. Und sorgt bei der Vernissage des neuen Buchs aus dem Berchtold Haller Verlag für Heiterkeit, während die Band Excelsis mit rauen Klängen einfährt.

Am sonnigen Nachmittag des 29. Oktober findet im Gotthelf Zentrum in Lützelflüh die Vernissage der kommentierten Neuausgabe von „Kurt von Koppigen“ statt. Was soll ein Stoff des fernen 13. Jahrhunderts, aus der kaiserlosen Zeit, in der „die Zwietracht alle Bande alter Sitte“ zerriss? Im Ritterroman spiegelte Jeremias Gotthelf die Unruhe seiner eigenen Zeit, sagt Marianne Derron. Der Roman spielt in einer Zeit, als „Strassenraub ein adeliger Erwerbszweig wurde“, wie der Mitherausgeber Norbert D. Wernicke bemerkt.

Krise im Spiegel der Geschichte
Derron verweist darauf, dass wir auch in einer Krisenzeit leben. Und zieht eine weitere Parallele: Wie Gotthelf sind wir nicht davor gefeit, die Vergangenheit zu idealisieren. Wernicke erinnert an den Hintergrund der 1840er Jahre: zunehmende Radikalisierung auf den radikal-liberalen und konservativen Polen der Eidgenossenschaft.

Ritter des Oberaargaus
Doch „Kurt von Koppigen“ bietet viel mehr als Schwertgeklirre. Albert Bitzius, der als Knabe Räubergeschichten verschlang, erweist sich als humorvoller Erzähler mit intimer Kenntnis des Oberaargaus und Emmentals. Er habe seiner Jugendregion ein Denkmal setzen wollen, meint Wernicke. Die Kleinräumigkeit der Handlung habe ihren besonderen Reiz; die Städte würden „buchstäblich umgangen“.

Literarische Bezüge
Derron und Wernicke haben mit Hilfe weiterer Spezialisten historische und kulturelle Hintergründe des Textes ausgeleuchtet. Die Anmerkungen, Illustrationen historische Karten sowie zwölf Rahmentexte machen deutlich, wie Gotthelf und seine Zeit aufs Mittelalter zurückblickten und wie belesen er war. Der Roman spielt unter anderem auf Don Quixote an. Im dreiteiligen Nachwort wird das Werk zwischen Hoch- und Trivialliteratur situiert.

Gehaltvoll illustriert
Dass es damals rau zu und her gegangen sein muss, lässt die Heavy-Metal-Band Excelsis erahnen. Die Gotthelf-Fans aus der Region haben eine CD mit dem Ritter als Titelhelden aufgenommen. Bei der Vernissage greifen die Musiker zur Blockflöte.

Ähnlich fein sind die Zeichnungen im Buch: Im Nachlass des Malers Rudolf Münger, der die Jugendstil-Ausgabe des Romans von 1904 illustriert hatte, fanden die Herausgeber ein Notizbuch mit mittelalterlichen Sujets. Sie bereichern den gediegenen Band - ein Geschenk nicht nur für Gotthelf-Fans..

Jeremias Gotthelf: Kurt von Koppigen
Nach der zweiten Ausgabe von 1850 herausgegeben und kommentiert
von Marianne Derron und Norbert D. Wernicke

Berchtold Haller Verlag, Bern, 2016
Gebunden. 216 Seiten  mit farbigen Abbildungen
ISBN 978-3-85570-153-7, 32 Franken