Warum Gotthelf begeistert

Gotthelf kommt uns nahe mit herzerwärmenden Geschichten. Er schrieb nicht bloss die Broschüre gegen die Quacksalberei, für die die Berner Regierung ihn anfragte. Er stellte Menschen von Fleisch und Blut im Ringen ums Glück, im Kampf gegen den Tod dar.

Mutterliebe im Übermass

Anne Bäbi Jowäger ist die lebenstüchtige Bäuerin, die das Heft in der Hand hat. Die Mutter, die es mit ihrem Jakobli zu gut meint, ihn überbehütet und dem Spott des Dorfs aussetzt. Die seiner Krankheit mit allerlei Mitteln – auch vom „Vehtokter“ – abhelfen will. Gegen den damit verbundenen Aberglauben kommen der junge Arzt und der weise Pfarrer erst nicht an. Das Ringen um Gesundheit und das Fortbestehen von Familie und Hof, das Geschick der Jowägers im Dorf, in dem man einander Gutes gönnt, hat Gotthelf kraftvoll und dramatisch gestaltet. Und Anne Bäbi kernige, vielschichtige Personen zur Seite gestellt. Sie bekommen in Signau auf der breiten Bühne Raum, sich zu entfalten.

Unter weitem Himmel

Der Theaterabend ist ein Sommer-Highlight. Unter freiem Himmel, auf fast 1000 Metern über Meer fernab vom alltäglichen Betrieb, mit Blick auf die lieblichen Hügel des Napfgebiets und die Schrattenfluh, Wind und Wetter ausgesetzt, in der Abenddämmerung ein Theaterstück zu sehen ist ein exquisiter naturnaher Genuss – rundum erfreulich, wenn Gewitter und Schauer ausbleiben. Ein  Erlebnis, das verbindet.

Vergangen und aktuell

Die Sprache Gotthelfs strotzt von urtümlicher Kraft, sie glänzt mit hoher Prägnanz und Pointenreichtum – auch im epischen Werk von 800 Seiten, das der Pfarrer von Lützelflüh aufgrund einer Anfrage der Berner Regierung verfasste. In der Dramatisierung bringt Marlise Oberli-Schoch Träfes, Grobes und Spitzes aus dem Emmentaler Idiom ungemildert zu Gehör.

Das Stück spielt in einer vergangenen Zeit. In Menschen des 19. Jahrhunderts können sich die Darsteller/innen nicht verwandeln, doch lassen sie in vielfältigen Szenen jene Umbruchszeit mit Härten und Ängsten, Leiden und Freuden aufleben. Das rührt an im Kontrast zum heutigen Komfort und fasziniert – horizonterweiternd und vielleicht gar identitätsbildend (für jene, die dafür die Vergangenheit heranziehen): Damit haben sich unsere Vorfahren abgemüht.

Zäher Aberglaube

Durch den Fortschritt der Medizin hat sich das Leben in der Schweiz sehr zum Guten verändert. Doch nehmen auch heute viele bei Beschwerden und Erkrankungen Zuflucht zu Mitteln, deren Wirkung bezweifelt oder rundum bestritten wird. Was Quacksalber und esoterische Therapeuten (heute auch aus fernen Ländern) versprechen, findet trotz der Dominanz der Wissenschaft und ihrem unbestreitbaren Erfolg Anklang. (Der kürzlich erfolgte Einschluss alternativer Therapien in die obligatorische Grundversicherung und die endlosen Debatten um den Sinn von Impfungen belegen, dass die Schulmedizin nicht alles abdeckt.)

Familie und Dorf

Gotthelf fokussiert auf Familie und Dorf. Beides droht uns abhanden zu kommen und wir blicken darum – mit Nostalgie? – gern hin. Wir unterhalten uns mit Konflikten, die uns bei aller Dramatik überschaubar und gar nicht so ausweglos erscheinen. Dazu trägt bei, dass über allem ein Gott waltet, der das Glück der Menschen will und sie die Wege zum Guten erkennen lässt.

In Signau ist zu spüren, dass die Gotthelf-Spieler und die Helfer seit 2006 zu einer grossen Familie zusammengewachsen sind. Sie scheuen den Aufwand nicht. Hoch motiviert bringen sie im Zweijahres-Rhythmus Werke des Emmentaler Dichter-Pfarrers zur Aufführung. Das alte 240-jährige Bauernhaus des „Hämeli“ gibt eine eindrückliche Kulisse ab. Dass die Besucher vorab etwas Währschaftes essen (nicht Frites, sondern „Härdöpfustängeli usem heisse Fett“) und einem Korber wie einem Hutflechter bei der Arbeit zusehen können, trägt zum Gesamtkunstwerk bei. Wen wundert’s, dass die Aufführungen ausverkauft sind?

www.freilichttheatersignau.ch

Bilder: Dany Rhyner