Marignanos Schatten über dem Emmental

Unübersehbar steht der Galgen im Hintergrund der idyllischen Szene. Ein wegen Mordes Verurteilter wird gehenkt. Am Teich im Vordergrund sitzt Agnes und eröffnet Peter, dass sie ihm gewogen ist.

Mit harten Kontrasten beginnt das Drama „Galgenbühl“, das in diesen Wochen auf der Moosegg bei Langnau unter freiem Himmel gespielt wird. Der Fluch der bösen Tat, für die ein Unschuldiger hängt, legt sich als düsterer Schatten über die Liebe der beiden. Peter hat sich verpflichtet, will nach Mailand in den Krieg: „Dert isch me öpper, o we me ke Buurehof het.“ In weniger als einem Jahr wird er zurückkommen und mit dem Sold Agnes und sich ein Haus bauen …

Mailand lockt

Hat sich nach den Burgunderkriegen das Reislaufen wie ein Virus in der alten Eidgenossenschaft verbreitet? Niklaus von Flüe suchte ihm zu wehren. Marignano steht für den Höhepunkt der Verblendung. Fern der Heimat, in der Lombardei liefen die Eidgenossen ins Messer. Ohne die Katastrophe von 1515 einzuspielen, vermittelt das Drama „Galgenbühl“ 2015, welches Leid die Reisläuferei über eine Gegend bringt. Um der Ehre oder des Geldes willen, aus Haltlosigkeit, Abenteuerlust oder wegen drückendem Gewissen verdingen sich Männer als Söldner, verlassen Frau und Kind, Haus und Hof. (Solche Dienste, von Zwingli bekämpft, sollten sich im reformierten Bern noch lange halten, Elend über manches Haus bringen und zur Stärke des pazifistischen Täufertums beitragen.)  

Rädchen im System

Der Theatermacher Peter Leu, der das Freilichttheater Moosegg 1997 lancierte, hat dieses Jahr ein Stück von Beat Binder (1961) inszeniert. Binder war während zuvor über zwanzig Jahre Waisenvater in Bern. Hängt es damit zusammen, dass die Gestalten des Stücks, so eng sie verbunden sind, Einzelne bleiben und einzeln scheitern? Im vormodernen Krimi spielt der Priester des Dorfs eine klägliche Rolle. Er ist als Beichtvater Rädchen im System, das dem Feigen und dem Niederträchtigen Spielraum gibt. Der Feige sucht sein schlechtes Gewissen zu ertränken. Im Rausch verrät er dem andern, was ihn quält.

Niedertracht

So nimmt das Drama seinen Lauf durch rabenschwarze Bosheit, Erpressung und dreiste Lüge. Sie kontrastieren mit Agnes‘ reiner Seele und dem Bangen der zurückgebliebenen Frauen. Mit federleichten Pointen und Lachern verwöhnt das Stück, durchs Ensemble von Peter Leus Berner TheaterCompanie engagiert dargeboten, die Zuschauer nicht. Da ist kein Galgenhumor. Der Chor gemahnt an eine griechische Tragödie.

Schlechtes Gewissen?

Von den Charakteren erweist sich keiner als Held. „Galgenbühl“ ist in einem Sinn unzeitgemäss, der zu denken geben muss: Unserer Gesellschaft ist das Gewissen kaum mehr der Rede wert. Unheilvolle Taten zu leugnen oder zu beschönigen ist heute en vogue, das Vernebeln ihrer Wirkungen eine gefragte Kunst. So wird das Moosegg-Stück nicht als „beste Unterhaltung“ für einen lauen Sommerabend durchgehen. Es macht vielmehr betroffen, öffnet Abgründe. Und das zu einer Zeit, da Reisläufer nicht nach Mailand aufbrechen, sondern Damaskus im Kopf haben ...

Aufführungen bis 22. August. Infos und Tickets: www.theater-moosegg.ch