• Gottesdienst und Worship

Wie Freikirchen Gottesdienst feiern

«Freikirchliche Gottesdienste kombinieren gelebte Frömmigkeit und alltagskulturelle Gestaltung.» Sonnen- und Schattenseiten dieser Alltagsnähe erläuterte der Theologe Stefan Schweyer in einem Vortrag in Bern.

Sonntags besuchen etwa 200‘000 Personen in der Schweiz freikirchliche Gottesdienste. Was gibt ihnen das Gepräge? In einem Vortrag vor dem Evangelisch-Theologischen Pfarrverein in Bern am 14. März sagte Schweyer, Gottesdienstordnungen und schriftliche Dokumente gebe es nicht. «Freikirchliche Gottesdienste sind gut besucht und schlecht erforscht.» Sohn der Gründer der FEG Einsiedeln, ist Stefan Schweyer bei Patres in die Schule gegangen. Der STH-Dozent hat für seine Habilitationsarbeit an der Uni Freiburg i.Üe. aus vierzig besuchten Gottesdiensten sechzehn ausgewählt.

Spontan und frei?

Die Bezüge zwischen Frömmigkeit und Alltag beschrieb der praktische Theologe in vier Punkten: 1. frei, 2. fromm, 3. authentisch, 4. alltagsrelevant. Wie die Schweizer Reformierten haben Freikirchen keine vorgegebene Agenda; im Unterschied zu ihnen pflegen sie ad hoc formuliertes Gebet und vielfältige Beteiligung, lassen oft auch spontane Beiträge zu. Doch ohne Regeln verlaufen die Gottesdienste laut Schweyer nicht: Mündlich vermittelte lokale Traditionen, implizite Interaktionsregeln und Tabus (was man wo wie sagt oder gar nicht sagt) ergeben eine «ritualisierte Freiheit».

Fünf Quellen

Dem Freikirchen-Forscher zeigen sich aus ihrer Geschichte fünf Quellen der Gottesdienstgestaltung: Täufer und Puritaner wollten ganz nach biblischen Vorgaben feiern – schlicht. Erweckliche camp meetings in Nordamerika führten mit viel Singen und einer langen, aufrüttelnden Predigt auf den Bekehrungsaufruf hin. Die Pfingstbewegung suchte dem spontanen Wirken des Heiligen Geistes Raum zu geben.

Von der charismatischen Bewegung haben die meisten Freikirchen heute einen mehr oder weniger ausgedehnten «Worship», eine Lobpreiszeit. Aus der Gemeindewachstumsbewegung (Willow Creek) stammt das Bestreben, Gottesdienste möglichst niederschwellig zu gestalten – man verzichtet auf alles, was sakral wirkt oder nur Eingeweihten vertraut ist, auch ein Liederbuch.

Miteinander fromm

Zur Frömmigkeit merkte Stefan Schweyer an, dass typische Freikirchler ihr alltägliches und sonntägliches Christenleben eng verknüpfen (nach Römer 12,1-2): «Wir feiern eigentlich am Sonntag das, was in unserem Leben im Alltag ‹einewäg› passiert», sagte ihm jemand. Der Gottesdienst unterscheidet sich vom Alltag vor allem dadurch, dass man es gemeinsam tut. Die Schattenseite laut Schweyer: «Ohne fromme Alltagskultur wird der freikirchliche Gottesdienst säkular!»

Authentisch wollen Freikirchler sein, indem sie sie in der Kirche ungekünstelt, «casual» und spontan geben und nicht anders reden als an Werktagen. Und sie messen, so Stefan Schweyer, den Gottesdienst daran, dass sie «etwas erleben, etwas mitnehmen» können in den Alltag. Der Nähe zum Alltag dienen auch grosse Eingangsbereiche als Ort für Begegnungen.

Alltagsnah – und oberflächlich?

Früher profitierten die Freikirchen vom religiösen „Grundwasserspiegel», den die Landeskirchen mit der Vermittlung biblischer Inhalte pflegten; sie riefen dazu auf, darauf persönlich mit Umkehr und Nachfolge zu reagieren. Der Traditionsabbruch macht dem ein Ende. Heute bestimmt nach Schweyers Beobachtung die Freizeitkultur zunehmend die Ausrichtung von Freikirchen. «Sie positionieren sich im Freizeitmarkt, versuchen sich da zu etablieren.» Doch nur wenige seien echt attraktiv: «Es braucht unglaublich Kraft, hohen Ressourcen-Einsatz, sehr begabte Leute.» Und soll der Gottesdienst im Ergebnis als Freizeit-Angebot wahrgenommen werden?

Der relative Erfolg von Freikirchen im säkularen Strom hat nicht zuletzt damit zu tun, dass Freikirchler Gottes Wirken im Gottesdienst «hier und jetzt» erleben – aufgrund dessen, was Teilnehmende aus ihrem Alltag mitbringen. Das verstelle aber den Blick darauf, was der Gottesdienst über dieses Mitgebrachte hinaus sein kann.

Der Evangelisch-Theologische Pfarrverein führt in Bern eine Veranstaltungsreihe zum Gottesdienst „Gott allein dienen“ durch. Am 25. Januar durchleuchtete Dr. Luca Baschera pointiert die Geschichte des reformierten Gottesdienstes und plädierte dafür, ihn als Raum des Höchsten zu würdigen. Die Anlässe sind öffentlich. Programm.