«Fluech u Säge» in Müntschemier

Was sich durch die Berner Reformation des 16. Jahrhunderts änderte, wird dramatisch gespiegelt im Seeländer Dorf Müntschemier. „Fluech u Säge“ wirft mit der Geschichte einer Familie, die durch hinterhältige Gier ins Elend gestürzt wird, Licht auf Grundlagen des Glaubens und Zusammenlebens.

Für das Drama, das in die Reformationszeit versetzt, hat der langjährige Dorfpfarrer Ueli Tobler die Chorgerichtsakten gelesen. Mit Hilfe des Chorgerichts, in jeder Kirchgemeinde eingerichtet, wollte die Berner Obrigkeit, die in der Reformation auch die Zuständigkeit fürs ewige Heil ihrer Untertanen übernahm, die Sitten im Dorf bessern. Im Prolog fordert der Maler Niklaus Manuel, Schöpfer des Berner Totentanzes, eine Läuterung des Gemeinwesens und der vor Missständen strotzenden Kirche. Er wird deswegen als Landvogt nach Erlach versetzt.

Gier und Verleumdung
Das Drama selbst spielt im Jahr 1567. Peter Imhag, Amtsnachfolger Manuels, besucht in Müntschemier den Gottesdienst. Da provozieren Sauf- und Spielkumpanen Hans Glötzli, einen grundanständigen armen Bauern, zu einem Kraftwort und legen es ihm als Fluch auf die Obrigkeit zur Last. Der Landvogt ist aufgebracht. Das Chorgericht, gebildet vom Pfarrer mit dem Ammann, der mit den Niederträchtigen unter einer Decke steckt, und weiteren beeinflussbaren Männern des Dorfs, wird ein Urteil sprechen.

Glötzli erträgt das nicht. Seiner gutherzigen, tatkräftigen Frau Elsa durch arge Einflüsterungen entfremdet, beschliesst er, sie und die Kinder zu verlassen und sich in Frankreich als Söldner zu verdingen. Der Pfarrer und der Landvogt gehen den Verleumdern auf den Leim, obwohl ihre Frauen sie warnen. Glötzlis verarmen; die Pfarrfrau setzt zur Hilfe an. Wie kann die Dynamik des Fluchs – man ahnt, dass sie im Seeland besonders nahe geht – gebrochen und Verderben in Segen verwandelt werden? Das Stück zeigt einen Weg; er sei hier nicht verraten.

Heil oder Unheil
Wenn früher das Dorf wöchentlich mehrere Gottesdienst geschlossen besuchte, zu besuchen hatte und Lieder wie auch die Zehn Gebote gemeinsam auswendig lernte, wenn früher das Chorgericht über Privates urteilte und auf diese einschneidende Weise auch Unheil vom Dorf fernzuhalten suchte – dann ist das ein Bild aus ferner Zeit, welches Errungenschaften und Fragwürdiges der Reformation miteinander vergegenwärtigt. So kommt Reformation 500 Jahre später zur Sprache.

Unter der Regie von Reto Lang können die Laiendarsteller aus dem Dorf ihre Emotionen heftig ausspielen. Die Männer fahren und schlagen drein, Frauen klagen, lassen sich das Reden nicht verbieten und fordern Gerechtigkeit. Dabei geht es nicht bloss ums Wohl oder Unglück des Einzelnen – das Geschick des Dorfs steht auf dem Spiel. Mit der bewegenden Geschichte aus dem 16. Jahrhundert kommt die Frage auf, wie in einer individualistischen Gesellschaft der Gemeinsinn bewahrt, Flüchen gewehrt und Segen bewirkt werden kann.

Letzte Aufführungen in der Turnhalle Müntschemier am 3. bis 7. Mai (19.30, Dernière 17.00).
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