• Chormusical in Thun

Mächtige Gnade – drängende Fragen

Der Teenager flucht, was das Zeug hält, als wäre er unterwegs zur Hölle. Doch Gott hat Gutes mit ihm vor. «Amazing Grace» ist da am Werk, eine alle Vorstellungen sprengende göttliche Gnade. Sie hat John Newton verwandelt. Erst Sklavenhändler, schrieb er später das Lied, das um die Welt ging. Am Karsamstag fegte das Chormusical über Newtons Leben durch die Thuner Expo-Halle.  

Ein Lied, ein Mann und die Zeit, die ihn zum Dichter machte: 2014 in Kassel uraufgeführt, begeisterte «Amazing Grace» den Thuner Kulturveranstalter Timo Schuster (Art & Act). Er überzeugte sein Team, buchte eine Crew, motivierte in der Region über 200 Sängerinnen und Sänger, engagierte Instrumentalisten und mietete die Expo-Halle mit immerhin 2000 Plätzen. Sie war am Karsamstag, als «Amazing Grace» erstmals in der Schweiz zu erleben war, zweimal ausverkauft.

Achterbahn

Mit dem Chor im Rücken fahren die professionellen Musical-Darsteller aus Deutschland unter Leitung von Hans-Martin Sauter eine emotionale Achterbahn. Die Handlung geht unter die Haut. Mit Frieden und Harmonie ist es nach dem Tod von John Newtons Mutter aus. Er ist sechs. Der Vater fährt als Kapitän zur See; die Stiefmutter weist ihn ab. Hass, Gleichgültigkeit und Angst – im Musical kantig personifiziert – sind die drei Dämonen, die den jungen John reiten und ihn an den Rand des Abgrunds bringen.

Im Libretto hat Andreas Malessa die Liebesgeschichte von John und seiner lange unerreichbaren Polly und das Ringen mit den finsteren Kräften packend verflochten. Tore W. Aas (Oslo Gospel Choir) stellt eine lyrische Arie aus Händels «Messias» – Pollys frommes Werben um Johns Seele – zwischen Popsongs, Spirituals und neuen Gospel, der von einem Quartett ausdrucksstark interpretiert wird.

Staunen über den Gott, der rettet

Tagebücher und Briefe* belegen: John Newton selbst kam aus dem Staunen über Gottes «amazing grace», sein Bewahren, Retten und Helfen nicht heraus, als er sich vom zügel- und mittellosen Abenteurer und Sklavenhändler zum Zollbeamten wandelte. Und später durch viel Mühe, Gebet und Bibelstudium Pastor und Liederdichter wurde. Ein Vierteljahrtausend später ist die Wende in seiner Biografie – die methodistische Erweckungsbewegung in England trug dazu bei – immer noch zum Staunen.

Menschen als Ware – heute!

Und zum Erschrecken. Denn der Sklavenhandel, für dessen Verbot im British Empire John Newton gegen Ende seines Lebens kämpfte, ist keineswegs passé, sondern hat durch die Globalisierung zugenommen. Er macht heute mehr Menschen denn je das Leben zur Hölle: Darauf weist in Thun Irene Hirzel von der Beratungsstelle Act212 in einem kurzen Auftritt hin. Es ist nicht von der Hand zu weisen: Kinder und Erwachsene werden gekauft und gehandelt (Dutzende Millionen in Asien, viele tausend in Europa und auch in der Schweiz), schuften in Fesseln, werden zur Prostitution gezwungen, dienen mit ihren Organen als Ersatzteillager für Vermögende …

Das Musical verweigert sich so dem selbstzufriedenen Genuss: Wenn wir heute uns mit Menschenhandel abfinden und nicht dagegen kämpfen, wie viel besser ist unsere Zeit als das Jahrhundert der Slavenhalter? Und wenn es für Newtons Generation (und erst auch für ihn selbst als Christen) kein Problem war, Schwarze zu handeln, zu quälen und elend umkommen zu lassen, stellt das Musical die Frage: Trägt unsere Gesellschaft Scheuklappen, die uns den Blick auf schreiendes Unrecht verstellen?

* dokumentiert in Jonathan Aitkens grosser Biografie: Amazing Grace und John Newton. Sklavenhändler, Pastor, Liederdichter, SCM Hänssler, 2014, 552 Seiten, 978-3-7751-5541-0

Alle Bilder: Art & Act.