• In der Kirche Kappel ZH
  • Christus in der Rosette der Kathedrale von Clermont-Ferrand
  • Reformaction, Genf 2017
  • Glasfenster von Hans Erni, Zürich

In der Schule des Heiligen Geistes

„Wir brauchen Reorientierung auf Gott hin, die wir nicht selbst schaffen.“ Deshalb feiern wir Gottesdienst, sagt Luca Baschera.

wort+wärch: Worum geht es im Gottesdienst?

Luca Baschera: Wir feiern Gottesdienst, weil wir damit rechnen, dass unser Gott, der dreieinige Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist uns immer wieder zu sich zieht, zu sich wenden möchte und auch wendet. Der Gottesdienst hat diese «metanoetische» (metanoia = Umkehr) Dimension: Wir sind gefallene Menschen, zugleich in Christus gerechtfertigt und geheiligt, und brauchen darum Reorientierung, immer wieder.

Wir brauchen Reorientierung auf Gott hin, die wir nicht selbst schaffen. Wir feiern deshalb Gottesdienst in der Gewissheit, dass in alledem, was wir tun, Gott selbst primär am Werk ist, um uns sanft, aber entschieden zu sich auszurichten. Darum geht es im Gottesdienst – und zwar in allem, was im Gottesdienst geschieht, aber ganz prominent im Abendmahl und in der Verkündigung des Wortes.

„Wir kommen zu dir, so wie wir sind“, wird oft in der Einleitung des Gottesdienstes gesagt. Wir bringen den Alltag mit. Wie gelingt bei all seinen Ablenkungen die Reorientierung?

Die Reformierten haben traditionell ein besonderes Gewicht darauf gelegt, dass Gott durch seinen Geist unter den Gläubigen wirkt, verdichtet in den Sakramenten. Was wir tun, tun wir in der begründeten Hoffnung, dass Gott dabei wirke – aber Gott bleibt souverän. Und deshalb bitten wir ihn, dabei zu wirken.

Wir bitten ausdrücklich um den Heiligen Geist, weil wir zum einen überzeugt sind, dass Gott der einzige ist, der aus unseren Handlungen ein Sakrament machen kann und dabei doch frei bleibt. Zum anderen hat er verheissen, es zu tun. Deshalb sind wir nicht skeptisch. Aber wir sind (im Gegensatz zu den Römisch-Katholiken) der Meinung, dass der Ritus an sich die Wirkung nicht garantieren kann.

«Wir kommen zu dir, so wie wir sind»: Anders können wir nicht zu Gott kommen und es ist auch gut so. Mit einem ähnlichen Satz, der auch oft verwendet wird, kann ich hingegen nichts anfangen: „Gott, du nimmst uns an, so wie wir sind.“

Wenn da ein Punkt gesetzt wird, ist der Satz eine problematische Verkürzung. Man müsste hinzufügen: Gott nimmt sich unser auch an, um uns zu verändern. Wenn diese Dimension verlorengeht, versteht man nicht mehr, worum es im Gottesdienst geht. Gott will uns konvertieren, zur Umkehr bringen. Gott will mehr, als uns annehmen, so wie wir sind – sonst wäre er nicht Mensch geworden in Jesus Christus.

Glaube, Liebe, Hoffnung: Im Gottesdienst lernen wir, uns zu sehen, wie Gott uns sieht, und entsprechend seinem Willen zu leben.

Glaube, Liebe und Hoffnung sind es, die nach Paulus «bleiben» (1. Brief an die Korinther 13,13). Mir scheint, sie sind drei Dimensionen eines Ganzen. Das Neue Testament spricht vom wahren Leben, vom Sein in Christus fast in einem räumlichen Sinn. Kann es sein, dass Glaube, Liebe, Hoffnung die drei Dimensionen dieses Raumes sind? Sie zeigen Facetten des neuen Lebens an.

Liebe ist das Sein in Christus. Wir geben uns Christus hin, treten in den Raum ein – damit verbunden ist das Sakrament der Taufe. Glaube ist viel mehr „Christus in uns“: Wir empfangen Christus, wie zuerst Maria. Wir nehmen Ihn entgegen – das geschieht im Wort und im Abendmahl. Hoffnung ist, dass wir uns ausstrecken nach Christus und uns für Ihn öffnen – die Grunddimension des Gebets.

Darum geht es nun im Gottesdienst: Wir betreten diesen Raum immer wieder, um ihn zu erkunden und uns in die Schule des Heiligen Geistes zu begeben, so dass er unsere Wahrnehmung zunehmend formen kann. Dann werden wir uns zunehmend zu uns selbst, zu Gott, zu unseren Nächsten und der Welt verhalten in einer Weise, die dem Blick Gottes auf all diese Wirklichkeiten entspricht.

Setzt Gottesdienst voraus, dass wir aus dem Getöse der Welt heraustreten, uns von ihr abwenden?

Wenn wir uns zum Gottesdienst begeben, treten wir in einen Raum, den Kirchenraum, der speziell dafür ausgesondert worden ist. Grossartige alte Kirchenräume geben uns zudem Anschluss an das Feiern unserer Väter und Mütter im Glauben. 

Aber auch da gilt: Wir können nicht versichern, dass Gottesdienst an sich „wirkt“. Auch der Raum, in dem wir uns treffen, garantiert es nicht. Es gibt zwar Gewissheit, dass dies der Fall sein wird, aber keine Versicherung. Und dies in einer Zeit, da wir alle Garantien haben wollen!

Wenn ich die Schriften der Zürcher Reformatoren lese, fällt mir eine Sensibilität auf, die uns 500 Jahre später abhandengekommen ist. Sie spürten, dass es für eine richtige Sache immer zwei entgegengesetzte Gefahren gibt: a) sich Sicherheit, Garantie zu wünschen und dann diese Sicherheit festzumachen an Dingen wie Raum, Ritus, Kleidung oder an der Lehre. b) alles als überflüssig zu betrachten, zur Disposition zu stellen.

Das Zweite ist unsere Gefahr heute. Es kommen Fragen auf wie: Müssen wir unbedingt Abendmahl feiern? Ist das unbedingt nötig? Ich sage: Es ist nötig für uns, weil Gott uns das auf den Weg gegeben hat, uns diesen Schatz anvertraut hat. Gleichzeitig ist es nicht etwas, das mechanisch funktioniert (die Gefahr der Garantie). Gott bindet uns an die Sakramente und an das Gebet und an das Wort. Er selbst ist nicht daran gebunden.

Aber Gott hat zugesagt, sich an uns zu erweisen, wenn wir glaubensvoll und demütig feiern.

Genau. Sein Wirken sprengt zwar die Grenzen des kirchlichen Handelns, es kann sie sprengen. Aber das ist die Ausnahme. Die Regel ist: Man kommt zum Glauben und kann eine christliche Lebensform pflegen im Schoss der Kirche, regelmässig im Gottesdienst.

Um uns herum werden ohne Ende Parties gefeiert, Feste veranstaltet. Denken Sie, dass auch Christen einander etwas spielen, sich etwas vormachen? Man kann auch eine Tradition, eine Frömmigkeit feiern…

Primär geht es um Gehorsam. Die Reformatoren legten den Finger darauf, dass wir wieder Gott gehorsam werden sollen – statt Leuten hörig zu sein, die vorgeben, es besser zu wissen. Da ist durchaus kritischer Geist gefragt – in Bezug auf alles.

Es scheint mir jedoch unmöglich, Kriterien festzulegen, nach denen man einen Gottesdienst beurteilen müsste. Denn ein und dieselbe Handlung kann in die eine oder andere Richtung tendieren. Ein zentraler Aspekt ist sicherlich die Haltung, in der man feiert. Ohne dass Gemeindeglieder genau sagen könnten, woran es liegt, bringen sie doch nach einem Gottesdienst zum Ausdruck, welche Haltung der Gestalter der Feier bei ihnen angekommen ist.

Wird eine Grenze überschritten, spüren manche, dass es nicht mehr um den dreieinigen Gott und sein Wort geht. Das ist aber nicht allein das Problem der Reformierten.

Sie haben in Ihrer Zürcher Antrittsvorlesung den Gottesdienst insgesamt als Raum beschrieben.

Der Gottesdienst ist ein Raum, in dem Gott uns mit Christus verbinden möchte. Die Hauptsachen in dem Raum sind Wort und Abendmahl – zwei Seiten desselben: Wir sollen das Wort essen. Ja, das Abendmahl ist in gewisser Weise die Ur-Form der Verkündigung (1. Korinther 11,26, Gerardus van der Leeuw). In der Wortverkündigung geht es um das Essen des Wortes, das Jesus Christus selbst ist (Johannes 6). Genauso wie beim Abendmahl. Und bei der Taufe werden wir in dieses fleischgewordene Wort, in diesen Weinstock eingepfropft (Johannes 15).

Kommen wir noch auf ein anderes Element zu sprechen: Fürbitte ist uns aufgegeben – und sie ist ein Vorrecht?

Fürbitte ist priesterlicher Auftrag. Wir treten vor Gott und nehmen alle möglichen anderen Leute mit uns mit. Ein Priester tritt vor Gott, andere vertretend. Das geschieht in der Fürbitte: vor Gott treten mit anderen Menschen auf dem Herzen (Michael Ramsey). Fürbitte ist die Grundform unseres priesterlichen Auftrags, die im Gottesdienst zum Vorschein kommt.

Fürbitte darf nicht auf den Gottesdienst beschränkt werden, aber sie soll im Gottesdienst stattfinden – wie ein Fenster zur Welt hin. Ein Fenster nicht nur, durch das wir die Welt draussen anschauen, sondern eines, durch das wir die Welt hineinnehmen in den Raum der Begegnung mit Gott.

Gott ist unfassbar. Wie bleibt Gottesdienst Geheimnis?

Es wäre verheerend, wollten wir den Gottesdienst möglichst geheimnisvoll erscheinen lassen, etwa mit gedämpftem Licht und Kerzen… Solche Dinge sind zwar keineswegs verboten, aber sobald sie zum Selbstzweck werden, ist man auf dem Holzweg. ((…))

Es kann zudem sehr sinnvoll sein, in der Gemeinde darüber zu reden, warum wir Gottesdienst feiern. Denn ein Geheimnis unterscheidet sich grundsätzlich von einem Problem: Dieses gilt es zu lösen – jenes zu erkunden (Gabriel Marcel). Was geschieht, wenn Gottesdienst im Gemeinde-Programm als „Angebot“ und als „Veranstaltung“ publiziert wird? Der Gottesdienst wird zu etwas, das wir organisieren und durchführen. Dabei kommt die grundsätzliche Dimension des Geheimnisses abhanden.

Pfr. Dr. phil. Luca Baschera stammt aus dem Piemont. Er ist Reformationshistoriker und Privatdozent für Praktische Theologie an der Universität Zürich. Neu arbeitet er auch für den Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund SEK.

Das Gespräch wurde für das Dossier Gottesdienst im wort+wärch (August 2019) geführt.