Geschichte

Wie sähe die religiöse Landschaft des Kantons Bern ohne das Evangelische Gemeinschaftswerk EGW aus? Wir wissen es nicht. Wir blicken dankbar zurück auf bald zwei Jahrhunderte, in denen Menschen durch das Evangelium von Jesus Christus ermutigt wurden, Orientierung bekamen und sich für das Gemeinwohl engagierten.

Das «Evangelische Gemeinschaftswerk» entstammt der 1831 gegründeten Evangelischen Gesellschaft des Kantons Bern. Die Gründung war eine Reaktion auf den aufkommenden theologischen Liberalismus, der auch im Kanton Bern um sich griff (Infragestellung der zentralen Bedeutung von Kreuz, Auferstehung und Wiederkunft Christi). Ungefähr 50 Brüder waren damals beim „blinden Eisi“ zusammengekommen, darunter Patrizier, Pfarrer, Theologiestudenten und Männer vom Land. Erklärtes Ziel war, innerhalb der „geliebten Berner Kirche“ zu bleiben. Als dieser wegweisende Entschluss auf den Knien betend gefasst wurde, da flossen laut einem Bericht die Tränen reichlich. Erster Präsident wurde der Patrizier Kurt Stettler-von Rodt, der das junge Werk während ungefähr 40 Jahren umsichtig leitete.

Entwicklung

Es wurden sogenannte Hilfsvereine ins Leben gerufen, denen meistens ein Pfarrer vorstand. Bald einmal gab es zwanzig an der Zahl, die sich von Bern aus über das Aaretal, das Emmental, den Oberaargau und sogar das Oberland verstreuten. Dabei wurden Bibel-, Gebets- und Missionsstunden gehalten. Man versuchte Gläubige zu sammeln und im Glauben zu vertiefen. Dies alles ganz bewusst innerhalb der Kirche. Dazu wurden auch Reiseprediger angestellt, mit wechselndem Erfolg.

Aber auch in der Diakonie und im Schulwesen war man tätig. So wurden an verschiedenen Orten Kranke gepflegt und um 1888 das Salem-Spital gegründet. Etwas früher wurde das bekannte Lehrerseminar Muristalden ins Leben gerufen. Wenig später kamen die Neue Mädchenschule und das Freie Gymnasium dazu.

Blütezeit

Nach internen Krisen und Auseinandersetzungen mit dem Staat – wegen liberalen Lehrern und Professoren – erlebte die Evangelische Gesellschaft (EGB) von den 1880er Jahren an eine Blütezeit. Der Basler Missionar Elias Schrenk wurde vom Komitee nach Bern gerufen, von wo aus er von 1879 - 1886 das Bernerland „bearbeitete“. Er wird als der „Bahnbrecher der Evangelisation“ bezeichnet. Nirgends hat in der Schweiz vorher und nachher eine pietistische Erweckung von einer solchen Breitenwirkung stattgefunden. Bald platzte das Werk aus allen Nähten. Überall wurden Vereinshäuser gebaut, Säle bereitgestellt und Evangelisten angestellt.

Krisen

Begreiflicherweise war bei diesem raschen Wachstum ein gewisser „Wildwuchs“ nicht auszuschliessen. Feurige Laienprediger brachten Unruhe in das noch ungefestigte Werk. Erschwerend kam das Auftreten der Pfingstbewegung nach 1904 hinzu. So kam es 1908 zur Abspaltung und Gründung der Landeskirchlichen Gemeinschaft des Kantons (VLKG) und wenig später zur Entstehung des Evangelischen Brüdervereins.

Meistens wird übersehen, dass zwischen den beiden Werken eine zehnjährige recht intensive Arbeitsgemeinschaft bestand (1908-1918). In der VLKG wurde das „Gerecht- und Heiligsein im Glauben“ betont, während die Evangelische Gesellschaft die bleibende Sündhaftigkeit des Menschen hervorhob. Dabei vergass man, auf Martin Luther zu hören. Der deutsche Reformator hatte festgehalten, gleichzeitig Gerechter und Sünder („simul justus et peccator“) sei der Christ, und zwar Sünder in Wirklichkeit, Gerechter in der Hoffnung des Glaubens.

Wiedervereinigung

In einer eindrücklichen Feier im Berner Münster haben sich die Evangelische Gesellschaft und der Verband Landeskirchlicher Gemeinschaften im Januar 1996 wieder zusammengeschlossen. Das Fest erregte weithin Aufsehen. Jahrzehntelange Bemühungen waren vorausgegangen. Doch früher war die Zeit dazu nicht reif gewesen. Nach längerem Ringen beschloss man, innerhalb der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn zu bleiben. Dort hat das EGW seine geschichtlichen Wurzeln.

Christian Fuhrer, Zäziwil (bearbeitet)