• Gott ist gut: Lobpreis auf dem Heuboden des Eigen-Hofs.

Versöhnung für eine zerrissene Welt

Mit vier Vorträgen an der Eigen-Konferenz 2019 kamen ganz verschiedene Facetten der Versöhnung im Alten Testament zum Funkeln. Der Versöhnungstag Yom Kippur gibt den Israeliten Zutritt zu Gott in seinem Heiligtum. Mit Abraham lancierte Gott seinen Versöhnungsplan, der die Welt umspannt und noch nicht vollendet ist. Abrahams Enkel waren jahrzehntelang zerstritten – bis Jakob sich wandelte. Abigail riskierte ihr Leben, um ein Massaker abzuwenden – Vorbild fürs Konferenzthema „Versöhnt leben – heldenhaft handeln“.

Die Israeliten sind aus Ägypten, aus der Sklaverei ausgezogen – Gott hat sie mit ungeheuren Wundern befreit. Er will unter ihnen wohnen, aber so wie sie sind, können Sie nicht in seine Gegenwart treten. Thomas Oesch, Pfarrer EGW in Spiez, legte als erster Referent am Donnerstag, 11. Juli, das Herzstück der fünf Mosebücher aus: 3. Mose 16 enthält die Anweisungen für den Grossen Versöhnungstag, Yom Kippur.  

Die Grundfrage, wie Menschen in der Gemeinschaft mit Gott leben können, wird im 3. Mosebuch in einer bestimmten, unserer Kultur fremden Art beantwortet: mit Opfern und Vorschriften zu ihrer Darbringung. Das Buch dreht sich um Gottes Zelt am Rand des Lagers der Israeliten in der Wüste. Wie kann es das Zelt der Begegnung sein? Wie Thomas Oesch betonte, haben die Opfer den Zweck, „dass Israeliten in der Nähe Gottes leben können“.

Yom Kippur
Die Vorschriften zum Grossen Versöhnungstag (den die Juden bis heute als Fastentag begehen) zeigen, „wie Gott einen Weg in seine Gegenwart auftut“. Zuerst soll der Hohepriester Aaron für sich und sein Haus Sühne erwirken, dann fürs Volk. Thomas Oesch schlug den Bogen zum Neuen Testament, wo Jesus als der wahre Hohepriester bezeichnet wird (Hebräer 9). „Dort wo Jesus uns vergeben hat, sind wir frei, Gott mit ganzen Herzen zu dienen.“

Aaron hatte einen Ziegenbock zu opfern und einen zweiten lebend in die Wüste hinauszutreiben (3. Mose 16,15-22). Dies bedeutet, wie Thomas Oesch sagte, eine Zurückweisung – wie ein Brief, der nicht angenommen wird: Sünde hat ihre Kraft verloren und darum kann man sie in die Wüste schicken.

Die Versöhnung verändert nicht nur das Leben mit Gott, sondern auch die Volksgemeinschaft völlig: „Wir müssen nicht mehr andere beschuldigen und zum Sündenbock machen.“ Abschliessend machte Thomas Oesch Mut, aufgrund der von Jesus erwirkten Versöhnung vor Gottes Angesicht zu treten. „Lasst uns mutig zu Gott kommen, weil er uns mit sich versöhnt hat.“ Das Opfer, das der Hohepriester an jedem Yom Kippur zu bringen hatte, hat sein Ziel und Ende in Jesus gefunden, als er am Kreuz starb.

Weltumgreifender Versöhnungsplan
Die Israeliten, die durch Isaak von Abraham abstammen, haben nach der Bibel eine einzigartige Stellung im grossen Versöhnungsplan Gottes. Darüber sprach am Samstag Ephraim Rebiai, Leiter des Missionswerks Gemeinschaft der Versöhnung. Er setzte ein mit der Schöpfung: Gott beteiligte die Menschen von Anfang an; sie sollten in seinem Werk mittun. Abraham wurde dann zugesagt, dass durch seinen Nachkommen alle Völker gesegnet würden (1. Mose 12,3). Der Nachkomme liess bekanntlich auf sich warten und Sara verfiel darauf, Abraham ihre Magd ins Bett zu geben…

Ephraim Rebiai betonte, dass Gott sich durch nichts von der Erfüllung seines Plans abhalten lässt. In Jesaja 19,23-25 findet sich die grandiose Prophetie, dass Assur, Ägypten und Israel dereinst miteinander ein Segen sein werden „im Mittelpunkt der Welt“. Assur (heute Irak) versteht Rebiai als Oberbegriff für alle arabischen Völker. Der Kampf dauere bis heute an, sagte er auf dem Eigen, doch „Gott setzt seine Ehre darein, sein Wort zu halten“. Der Feind wolle verhindern, dass die Völker miteinander zum Segen würden, doch es werde geschehen, zum Ruhme Gottes.

Der Nahostkonflikt betrifft laut Rebiai die ganze Welt. Nüchtern beschrieb er die anhaltende Feindschaft zwischen den Völkern. Tiefe Versöhnung werde allein möglich zwischen Menschen, die Jesus gefunden hätten. Die Besucher auf dem Eigen rief Ephraim Rebiai auf, den Plan Gottes ernst zu nehmen und die Erfüllung der Verheissung zu erbitten, auch daraufhin zu handeln. „Die Familie Abrahams wurde uns Schweizern zum Segen.“

Jakob: Wenn der Bruder der Feind ist
Der Stammvater, der den Israeliten den Namen gab, war Jakob. Ernst Liechti, Pfarrer EGW in Worb und Grindelwald, beleuchtete eine der komplizierten Versöhnungsgeschichten des Alten Testaments. Der Name Jakob deutet auf Hinterlist. Weil Jakob seinen Bruder Esau betrog, musste er in die Fremde fliehen.

Als er Jahrzehnte später mit seiner grossen Familie und viel Hab und Gut zurückkehrte, fürchtete er die Rache Esaus noch immer. In der Nacht vor dem Treffen trat ihm ein Unbekannter in den Weg und verwickelte ihn in einen langen Kampf, bei dem Jakob verletzt wurde. Doch errang er eine Zusage, einen Segen: Der Engel gab ihm den neuen, ehrenhaften Namen Israel.

Ernst Liechti fragte: „Sind wir manchmal in einem Kampf mit Gott?“ Gott habe Jakob nicht erledigt, aber ihm eine Verletzung zugemutet. „Verletzt hängt Jakob an seinem Gegenüber, dessen göttliche Natur er ahnt. Er hängt nicht mehr an seinen eigenen Ideen und Strategien.“ Wandlung passiert, so Ernst Liechti, nur da, „wo der Gott der Liebe sich aus Liebe mir entgegenstellt, mich herausfordert, mich neue Wege gehen und entdecken lässt… Wenn Gott uns in einen Kampf verwickelt, dann weil er uns umgestalten will.“

Jakob habe lernen müssen, dass er über Gott nicht verfügen konnte. „Der lebensspendende Segen genügt.“ Am folgenden Tag konnte er Esau begegnen – und ihn mit anderen Augen sehen. Da erfuhr von Esau Wandlung. Allerdings konstatiert der Bericht in 1. Mose 33, dass die beiden Brüder mit ihren grossen Sippen nach dem Bruderkuss wieder auseinandergingen. Aber, so Liechtis Fazit, „Jakobs Flucht fand ein Ende. Er kam heim zu Gott, zu seinem Bruder und endlich auch zu sich selbst.“

Versöhnung – bevor es knallt
Wie oft endet Streit in Bitterkeit und Entfremdung? Das muss nicht sein! Andreas Vogt, Pfarrer EGW in Worb, leitete seinen Vortrag mit dem Sinnspruch ein: „Bei jedem Streit ziehe die Versöhnung selbst dem leichtesten Sieg vor.“ Er erzählte die Geschichte von Nabal, David und Abigail: „ein bösartiger Narr, ein kämpferischer Hitzkopf“ – und eine Frau, die weise und beherzt reagiert, obwohl sie zuerst nicht beteiligt ist (1. Samuel 25). Sie sieht es als ihre menschliche Pflicht zu handeln. David anerkennt, dass sie ihn vor einer Überreaktion bewahrt – als „Gott-gesandte Hitzkopf-Kühlerin“.

Nabals dummer Eigensinn ist kaum nachzuvollziehen. Abigail habe jedenfalls „heldinnenhaft gehandelt“, sagte der Referent. Noch heute sei Rache nach der Beleidigung der Familie in manchen Kulturen akzeptiert. Nicht bei uns. Aber unverhältnismässig und hart reagieren, etwa wenn Kinder sich trotzig verhalten: liegt das nicht auch vielen Vätern nahe?

Abigail habe sich hergegeben und ihr Leben riskiert, um Versöhnung zu stiften, obwohl sie den Streit nicht verursacht hatte, bemerkte Andreas Vogt. Er schloss mit dem dringenden Appell, Versöhnung zu suchen und zu schaffen, bevor es knallt, bevor Beziehungen in Brüche gehen oder es zu einem Massaker kommt. Dies im Familien- und Bekanntenkreis wie auch im Gemeinwesen.

Die vier Vorträge nachhören (Session 2,3,10)