Im Zug der Versöhnung

Versöhnt leben möchten wir alle. An der EGW-Sommerkonferenz auf dem Eigenhof bei Grünenmatt schilderte die Seelsorgerin Evelyne Schären die Stationen und Hindernisse auf dem Weg zu diesem Ziel.

„Wir können uns nicht leisten, unversöhnt zu leben. Der Preis ist zu hoch“, sagte Evelyne Schären, Gwatt, auf dem Eigen. Doch oberflächlich zu vergeben funktioniert bei tiefen seelischen Wunden und bitterer Entfremdung nicht, wie die Erfahrung zeigt. Einfühlsam und eindringlich lud Schären zur Reise mit dem Ziel Versöhnung ein. An drei Abenden behandelte sie die Wunden, die das Leben schlägt, und benannte Stationen der Heilung. Ziel: „ein Leben ohne Bitterkeit und Anklage.“

Grundlegend für die Versöhnung mit Menschen ist die Versöhnung mit Gott durch Jesus Christus. Der Mann aus Nazareth ist für alle Menschen am Kreuz gestorben, damit sie mit Gott versöhnt werden können. Die Kernbotschaft des Neuen Testaments (Römer 5, 2. Korinther 5) war der Ausgangspunkt und Anker der drei Vorträge.

Wenn das Leben weh tut
Wer verletzt wurde und dies dem Urheber nachträgt, hat viel zu schleppen. Tiefe Wunden entstehen etwa bei einer Kampfscheidung, einem schweren Vertrauensbruch und anhaltenden Familienkonflikten – und mit dem Gefühl, auf der Welt nicht erwünscht zu sein. Evelyne Schären verwies auf die Tatsache, dass hinter mancher Erschöpfung Konflikte stehen. „Unverarbeitete Kränkungen machen krank.“

Es stimmt dann nicht, dass die Zeit alle Wunden heilt – und man sollte die Vergangenheit nicht ruhen lassen. Doch so sehr sie gewünscht wird – Vergebung (und erst recht Versöhnung) kann nicht einfach gefordert werden. „Versöhnung ist zuerst und zuletzt ein Geschenk aus Gottes Hand, ein Angebot der Gnade!“ Die Seelsorgerin aus Gwatt beschrieb Versöhnung im Folgenden als Prozess und wählte zur Erläuterung das Bild des Zugs, der über mehrere Stationen fährt.

Nicht zudecken, nicht beschönigen
An der ersten Station gilt es, wahr zu sein und Geschehenes nicht zu beschönigen. Psalm 85 spricht davon, dass Gnade und Wahrheit einander begegnen – ohne Wahrheit geht es nicht. Die zweite Station lädt ein, Ärger und Groll nicht zu unterdrücken. Was an Licht gebracht wird, verliert seine zerstörerische Kraft.

Trauer und Schmerz werden an der dritten Station bewusst. Die Psalmen lehren, vor Gott zu klagen und, was weh tut, vor ihm auszubreiten. Dies heisst nicht, um dieselben Verletzungen weiter zu kreisen und an negativen Beziehungsmustern festzuhalten! Zur Versöhnung mit der eigenen Geschichte, so Evelyne Schären, gehört auch das Ja zu eigenen Weichenstellungen.

Im Verlauf der Fahrt ist eigene und fremde Schuld abzuladen und zu entsorgen. „Wir entlassen Mitmenschen und auch uns selbst aus dem Gefängnis der Unversöhnlichkeit und so werden belastende Situationen aus unserer Vergangenheit allmählich entmachtet.“ Wer das nicht wagt, ist in der Gefahr, sich zurückzuziehen, sich einzumauern und zu resignieren.

Aus dem Zug der Unversöhnlichkeit aussteigen
Der Zug der bitteren Unversöhnlichkeit fährt in die Gegenrichtung, sagte Evelyne Schären. Jene, die noch nachtragen, können jedoch bei jeder Station umsteigen. Die Fahrt im Zug der Versöhnung ist schon bezahlt; er fährt jederzeit ab – und Begleiter sind erwünscht.

Wie kann ich vergeben, wenn ich nichts dafür kann, dass ich verletzt wurde? Evelyne Schären brauchte das Bild von einem Garten neben der Autobahn, in den Fahrer Abfall werfen und ein Sturm Äste weht. Nicht vergeben, würde heissen, mit dem unverschuldeten Unrat und Geäst im Garten zu leben. „Vergeben heisst: Ich löse mich aus den Folge-Schäden und bitte Jesus, mir beim Aufräumen zu helfen.“

Mobbing-Opfer schreibt sich frei
Evelyne Schären erzählte von Tanja (Name geändert), die in der Schule gemobbt worden war. Jahre später, ihrem Dorf entfremdet und seelisch krank, entschloss sie sich, ihren Kolleginnen einzeln zu vergeben. Sie schrieb Schuldscheine und vernichtete sie darauf vor Zeugen. Was geschah? Innert weniger Wochen wünschten mehrere Kolleginnen von sich aus wieder Kontakt!

Im Zug der Versöhnung haben sich manche zu lösen von falschen Reaktionsmustern. Festlegungen („Arbeitgeber sind Ausbeuter“) können für ungültig erklärt werden, riet Schären, und alle Waffen, die zur Rache benützt werden könnten, sind abzugeben. Wer vergibt, muss Forderungen (auch berechtigte) loslassen und andere freilassen aus jeder Anklage und Verurteilung.

Auf Vergeltung verzichten
Können wir uns echt versöhnen, wenn der Andere nicht will? Die Referentin zitierte Paulus‘ Rat an die Christen in Rom: „So viel an euch liegt, haltet mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst“ (Römer 12,18.19). Doch weil Versöhnung – als Wiederherstellung der Beziehung – immer freiwillig ist, kann sie nicht einseitig bewirkt werden. Dennoch sollen wir – wie wir nur können – vergeben. Fehlt eine Kultur der Vergebung, dürfen keine Fehler passieren (was sehr anstrengend ist!).

Das Ziel ist ein Anfang!
Am dritten Abend wies Evelyne Schären auf einen Stolperstein hin: die Angst, dass der Zug nicht am Ziel ankommt. Klar ist: Ein Versöhnungsprozess braucht Geduld! Zu ihm gehört das Segnen: „Segnet, die euch verfolgen; segnet und flucht nicht!“ (Römer 12,14).

Versöhnung ist nicht die Endstation, sondern „der Ausgangspunkt eines schöpferischen Neuanfangs“. Dabei sind die Beteiligten nicht mehr dieselben – und es ist nicht, als wäre nichts passiert. „Die Geschichten sind bewältigt, integriert in unser Leben und Denken. Die Erinnerungen sind bewältigt – aber sie bleiben.“ Denn die bedrückende Vergangenheit ist durch die Vergebung entmachtet. „Du bist ermächtigt zu einem neuen Leben in Freiheit!“

Familientragödie
Am Sonntag strahlte die Sonne über dem Emmental. Auf dem Eigen blickten über 500 Besucher in den Abgrund der Qual. Von Thomas Gerber befragt, schilderte Mirjam Neis das unsägliche Elend, das sie und ihre Familie traf: Ihr Bruder hatte die Grosseltern ermordet. Mit ihm, dem Täter, Tür an Tür gelebt zu haben – und zugleich zur Familie der Opfer zu gehören, warf Mirjam aus der Bahn. Erst Jahre später tat Gott ihr einen Weg auf, dem Bruder zu vergeben.

Am Nachmittag wurde der lange Weg deutlich, den Opfer gehen, bis sie sagen: Ich will, ich muss vergeben. Nur so erlangen sie innere Freiheit. Die viertägige Konferenz endete mit der Feier des Abendmahls.

Die Vorträge von Evelyne Schären nachhören (Session 1,5,9)

Website von Evelyne Schären  
Booklet „Im Zug der Versöhnung“: Leseprobe